Flüchtlingstag zwischen Tränen und Zuversicht

Flüchtlingstag zwischen Tränen und Zuversicht

  • Der kan­tonale Flüchtlingstag vom Sam­stag, 22. Juni, in Baden zog viele Men­schen an.
  • Die beteiligten Organ­i­sa­tio­nen und geflüchtete Men­schen ver­sucht­en, nachvol­lziehbar zu machen, was Flucht bedeutet.
  • In die Erschüt­terung über die Schick­sale der Geflüchteten mis­cht­en sich aber auch Zuver­sicht und die Hoff­nung, Fluchtwege sicher­er machen zu kön­nen.
 Der Gang durch die Baden­er Bad­strasse in Rich­tung Bahn­hof­platz war am Sam­sta­gnach­mit­tag gepflastert mit schlim­men Erin­nerun­gen und schw­er zu ver­dauen­den Geschicht­en. Dabei kamen die Erzäh­lun­gen ganz nüchtern daher: Mit Filzs­tift stich­wor­tar­tig auf ein Stück Kar­ton notiert. «Der Motor ist zu schwach. Wass­er kommt ins Boot, wir schöpfen Wass­er», stand da zum Beispiel. Für den inter­ak­tiv­en Fluchtweg in der Bad­strasse hat­ten geflüchtete Män­ner und Frauen die Erin­nerun­gen an ihre Flucht zu Pro­tokoll gegeben. Unauf­dringlich lagen die Kar­tons auf dem Asphalt, zunehmend aufgewe­icht durch den Regen. Viele Pas­san­ten ging gedanken­ver­loren darüber hin­weg, andere lasen ein paar Zeilen und set­zten ihren Weg achselzuck­end fort.

Interaktiver Fluchtweg mit hohem Symbolgehalt

Der inter­ak­tive Fluchtweg hat­te einen hohen sym­bol­is­chen Gehalt. So sind die Geflüchteten mit ihren trau­ma­tis­chen Erleb­nis­sen zwar hier, doch ihr Leid bleibt oft unbeachtet. Erst, wenn das Schick­sal einen Namen bekommt, ver­mag es die Men­schen zu berühren. Umso schön­er, dass sich einige der Besucherin­nen und Besuch­er am Flüchtlingstag in Baden dafür gewin­nen liessen, den Schick­salen einen Namen zu geben. Mit Krei­de schrieben sie Namen von Men­schen auf die Strasse, die während der Flucht nach Europa zu Tode kamen. Für Manuel Bischof, Sozialar­beit­er der katholis­chen Kirchge­mein­den Wet­tin­gen und Würen­los, der sich als OK-Mit­glied des Flüchtlingstags sel­ber am Namen­schreiben beteiligte, eine aufwüh­lende Erfahrung: «Bei den ersten Namen, die ich auf die Strasse schrieb, kamen mir die Trä­nen.»

«Sichere Fluchtwege jetzt!»

Ver­schiedene Organ­i­sa­tio­nen aus dem Flüchtlings­bere­ich hat­ten Info-Stände auf dem Bahn­hof­platz aufge­baut. Die Car­i­tas informierte an ihrem Stand über die Möglichkeit des «Reset­tle­ments» für beson­ders ver­let­zliche Per­so­n­en, die ihr Land ver­lassen mussten. Über ein Reset­tle­ment-Pro­gramm kön­nen einige Flüchtlinge sich­er und mit Zus­tim­mung des Ziel­staats in ein Land ein­wan­dern und sich dort dauer­haft nieder­lassen.

Mandat der Caritas läuft aus

Die Reset­tle­ment-Flüchtlinge im Aar­gau wer­den von der Car­i­tas betreut. Wie Lydia Weiss vom Fach­bere­ich Asyl und Flucht der Car­i­tas Aar­gau jedoch erk­lärte, läuft dieses Man­dat in näch­ster Zeit aus und wird vom Kan­ton nicht erneuert. Welche speziellen Hil­festel­lun­gen diese beson­ders schutzbedürfti­gen Geflüchteten danach bekä­men, sei zur Zeit noch nicht klar. Dabei gehen die Bestre­bun­gen von Flüchtling­sor­gan­i­sa­tio­nen dahin, einen möglichst hohen Prozentsatz an Flüchtlin­gen in die Reset­tle­ment-Pro­gramme aufzunehmen. Lydia Weiss verdeut­lichte: «Acht Prozent der Flüchtlinge gel­ten als beson­ders ver­let­zlich. Heute wird aber lediglich ein Prozent aller Flüchtlinge in ein Reset­tle­ment-Pro­gramm aufgenom­men.»

Ausstellung zur Willkommenskultur

Ein Blick­fang auf dem Bahn­hof­platz war die Ausstel­lung «Unvergesslich – unsere Geschicht­en» von Amnesty Inter­na­tion­al. Über­lebens­grosse Porträts zeigten Geschicht­en von Geflüchteten, die pos­i­tive Erfahrun­gen in der Schweiz gemacht haben, sowie von Men­schen, die Flüchtlinge in der Schweiz willkom­men heis­sen. Nach den erschüt­tern­den Flucht­geschicht­en hat­ten damit auch die Zuver­sicht und die Hoff­nung auf einen Neube­ginn ihren Platz am Flüchtlingstag 2019.

Flüchtlingstag vereint Gegensätze

Die vollbe­set­zte reformierte Kirche, in welch­er die offizielle Begrüs­sung auf­grund des Wet­ters abge­hal­ten wurde, freute die Organ­isatoren. Neben der Baden­er Stadträtin Reg­u­la Del­l’An­no-Doppler und dem reformierten Kirchen­rat­spräsi­den­ten Christoph Weber-Berg sprachen auch Flüchtlinge an der offiziellen Begrüs­sung. Der Weltchor Baden mit rund 70 Sän­gerin­nen und Sängern umrahmte die Ansprachen musikalisch. Viel Musik und Tanz gab es auch im Anschluss an den offiziellen Teil. Die Perkus­sion­sklänge und der Gesang lock­ten die grossen Besuch­er ins Zelt, diverse Spiele die kleineren auf die Wiese neben der Kirche, wo die Jubla Rüti­hof das Kinder­pro­gramm gestal­tete. Stille Erschüt­terung und fröh­lich­es Beisam­men­sein vere­in­ten sich am Flüchtlingstag zu einem Fest, das nicht ver­suchte, in ein Schema zu passen und ger­ade deswe­gen zu berühren ver­mochte.   
Marie-Christine Andres Schürch
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