Mut-Botschaften und feste Rituale helfen in der Krise

Mut-Botschaften und feste Rituale helfen in der Krise

  • Auch für Men­schen mit Behin­derung – in Insti­tu­tio­nen oder selb­ständig lebend – hat sich der All­t­ag radikal verän­dert: Werk­stät­ten sind geschlossen, sie dür­fen keinen Besuch emp­fan­gen und haben viele Fra­gen, auf die es keine klaren Antworten gibt.
  • Die «Fach­stelle Pas­toral bei Men­schen mit Behin­derung» arbeit­et mit Pfar­reien, Insti­tu­tio­nen und Vere­inen zusam­men, damit alle am kirch­lichen Leben teil­haben kön­nen. Sie ver­sucht, Men­schen auch in der momen­ta­nen Sit­u­a­tion zu unter­stützen.
  • Die Fach­stel­len­lei­t­erin, eine Betreuerin und eine Betrof­fene bericht­en, wie sie mit den Ein­schränkun­gen der Pan­demie zurechtkom­men.
 Zu Beginn des Lock­downs nahm Isabelle Deschler ihre Agen­da her­vor und begann, alle Ter­mine zu stre­ichen. «So viel freie Zeit», habe sie sich gedacht, erin­nert sich die Lei­t­erin der Fach­stelle «Pas­toral bei Men­schen mit Behin­derung». Bald aber wurde ihr bewusst, was da für eine Arbeit auf sie zukam. «Anlässe stre­ichen, alle informieren, neue Ange­bote aus­denken und auf­gleisen – das brauchte anfangs viel Zeit.»

Jede Woche eine Mut-Botschaft

Um über die Änderun­gen zu informieren, ver­schick­ten Isabelle Deschler und ihre Mitar­bei­t­erin­nen einen Brief. Dabei kamen sie auf die Idee, während der Coro­na-Zeit regelmäs­sig so genan­nte «Mut-Botschaften» zu ver­schick­en.Sei­ther gelangt ein­mal pro Woche ein Brief mit Geschicht­en, Bibelz­i­tat­en aber auch Baste­lan­leitun­gen an die ehe­ma­li­gen und aktiv­en Kursteil­nehmer und an die Insti­tu­tio­nen, mit denen die Fach­stelle zusam­me­nar­beit­et. Viele der selb­ständig wohnen­den Men­schen mit Beein­träch­ti­gung erwarten diese Botschaften freudig. Die Mut­post hil­ft ihnen, mit anderen in Verbindung zu bleiben.

Abwechslung und Ablenkung gegen das Gedankenkarussell

Zum Beispiel Tama­ra Sen­nrich. Die 31-Jährige lebt trotz ihrer Beein­träch­ti­gung selb­ständig. Sie bekommt IV, arbeit­et aber regelmäs­sig in der Kindertagesstätte bei Deutschkursen in Aarau mit. Wegen der Coro­na-Pan­demie sind die Deutschkurse bis im August abge­sagt. In dieser Sit­u­a­tion freut sich Tama­ra Sen­nrich über Kon­takt zur Aussen­welt. Ablenkung tue ihr gut, sagt sie: «Wenn ich so viel alleine zu Hause bin, mache ich mir tausend Gedanken und Sor­gen.»

Keine klaren Antworten

Tama­ra Sen­nrich besuchte vor der Pan­demie regelmäs­sig die Ange­bote der Fach­stelle und gestal­tete auch Gottes­di­en­ste mit. Halt geben ihr im verän­derten All­t­ag das Gespräch mit anderen Men­schen und auch mit Gott. «Manch­mal zünde ich eine Kerze an und frage ihn, warum das Coro­n­avirus da ist und wie lange das noch so geht. Eine Antwort habe ich bis jet­zt noch nicht gefun­den.»Laris­sa Mey­er ken­nt diese Schwierigkeit­en. Sie arbeit­et als Betreuerin auf ein­er Wohn­gruppe der Stiftung «Orte zum Leben» in Ober­ent­felden. Dass es auf viele Fra­gen der Kli­entin­nen und Klien­ten im Zusam­men­hang mit dem Coro­n­avirus keine klaren Antworten gibt, ist eine grosse Her­aus­forderung. «Die Unsicher­heit darüber, wie lange der momen­tane Zus­tand dauert, macht hier vie­len zu schaf­fen,» sagt Laris­sa Mey­er.

Fixe Essenszeiten und Beschäftigung

Die einen Bewohn­er der Stiftung «Orte zum Leben» arbeit­en in der Tagesstätte, andere in Werk­stät­ten. Wegen der Pan­demie-Mass­nah­men sind viele Werk­stät­ten sowie die Tagesstätte geschlossen, das Arbeit­en fällt weg und der Tagesablauf der Bewohn­er hat sich stark verän­dert. Wichtig sei jet­zt, den Leuten durch feste Struk­turen Sicher­heit zu geben, sagt Laris­sa Mey­er. «Wir haben fixe Essen­szeit­en und sor­gen für Beschäf­ti­gung.»

«Gewohnte Bahnen sind mir lieber»

Tama­ra Sen­nrich betont eben­falls, dass sie klare Struk­turen mag und macht ein Beispiel. Im gewohn­ten All­t­ag erhält sie Unter­stützung durch Pro Infir­mis und die Psy­chi­a­trie-Spi­tex. Weil Pro Infir­mis nun bis Ende Mai nicht vor­beikommt, übern­immt die Psy­chi­a­trie-Spi­tex teil­weise deren Auf­gaben. «Alles ver­mis­cht sich, damit habe ich Mühe. Ich habe es lieber, wenn alles in gewohn­ten Bah­nen ver­läuft.»

Abschiedsfeier im Heim statt Beerdigung

Die The­olo­gin, Seel­sorg­erin und Fach­stel­len­lei­t­erin Isabelle Deschler weiss, dass Struk­turen und Rit­uale für Men­schen mit Behin­derung beson­ders wichtig sind. Das zeigte sich beim Tod eines Bewohn­ers auf der Wohn­gruppe von Betreuerin Laris­sa Mey­er. Weil die Mit­be­wohn­er coro­n­abe­d­ingt nicht an die Beerdi­gung gehen durften, gelangte die Insti­tu­tion an die Fach­stelle. Isabelle Deschler organ­isierte, unter Ein­hal­tung der Hygien­e­mass­nah­men und Abstand­sregeln, eine Abschieds­feier im Heim. «Die Feier war für die Leute wichtig, um den Tod zu begreifen und sich zu ver­ab­schieden», sagt Betreuerin Laris­sa Mey­er. Isabelle Deschler betont: «In solchen Sit­u­a­tio­nen muss man abwä­gen zwis­chen der Gefahr durch das Virus und der Gefahr durch das psy­chis­che Lei­den der Men­schen.»

«Physical distancing» ist belastend

Im All­t­ag scheint es vor allem das Abstand­hal­ten zu sein, das psy­chisch belas­tend ist. Tama­ra Sen­nrich sagt: «Ich tre­ffe zwar ab und zu Leute, aber es kommt mir komisch vor, so dis­tanziert mit jeman­dem umge­hen zu müssen.» Sie sei eine, die den Kon­takt zu anderen Leute sehr schätze und brauche. Die momen­tane Sit­u­a­tion belaste sie auch deshalb sehr.

«Darüber sprechen wir oft»

Aus ihrer Sicht zeige sich in der jet­zi­gen Sit­u­a­tion, wie wichtig der per­sön­liche Kon­takt zu den Leuten sei, sagt Isabelle Deschler. Und sie stelle fest, dass Men­schen mit Behin­derung gar nicht so viel schlechter ver­ste­hen, warum die Pan­demie das gesellschaftliche Leben momen­tan weit­ge­hend lahm­legt. Das bestätigt auch Betreuerin Laris­sa Mey­er: «Dass unsere Bewohn­er ihre Fam­i­lie nicht sehen kön­nen, ist schwierig, darüber sprechen wir oft mit ihnen. Aber trotz­dem gehen die Men­schen recht gut mit den vie­len Ein­schränkun­gen um.» Film statt Gottes­di­enstDer tra­di­tionelle Pfin­gst­gottes­di­enst der Fach­stelle «Pas­toral bei Men­schen mit Behin­derung» in Königs­felden fällt dieses Jahr aus. Doch Isabelle Deschler und ihre Mitar­bei­t­erin­nen pla­nen, einen Film zu pro­duzieren und online zu stellen: Die Pfin­gst­geschichte, erzählt von Isabelle Deschler und Sarah Bütler, musikalisch begleit­et von Priska Walss mit dem Alphorn.
Marie-Christine Andres Schürch
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