Mit Blindenstock und Rollstuhl durch die Stadt

Mit Blindenstock und Rollstuhl durch die Stadt

  • Am let­zten Sam­stag, 21. August 2021, warb die Aktion «Acht­sames Aarau» für mehr Acht­samkeit in den alltäglichen Begeg­nun­gen.
  • Exkur­sio­nen in der Stadt mit Augen­binde oder im Roll­stuhl zeigten den Besucherin­nen und Besuch­ern die Stadt aus neuer Per­spek­tive.
  • Das Mot­to «Lauschen, schauen, erleben» sprach erfreulich viele Pas­san­ten an.

Ich fürchte, jeden Moment das Gle­ichgewicht zu ver­lieren. Rechts von mir dröh­nt der Verkehr auf der Bahn­hof­s­trasse noch lauter als son­st. Langsam set­ze ich einen Fuss vor den anderen, taste mit meinem Blind­en­stock den Boden vor mir ab. «Vor­sicht, hier ste­ht eine Park­bank», warnt mich meine Beglei­t­erin Mar­ti­na Schmid: «gle­ich geht’s nach rechts. Der Weg ist leicht abschüs­sig.» Ich höre die Erläuterun­gen von Hans-Rue­di Kunz, der uns auf Vogel­stim­men aufmerk­sam macht. Er beschreibt die ein­heimis­chen Voge­larten so detail­liert, dass ich mir sie vorstellen kann. Die Bilder, die er den Teil­nehmern dieses kurzen Rundgangs zeigt, sehe ich allerd­ings nicht. Ich bin froh, nach ein­er hal­ben Stunde meine Augen­binde wieder abzunehmen.

Achtsamkeit gegenüber Menschen, die anders sind

Zu ver­danken habe ich meine Erfahrung den Teams der lan­deskirch­lichen Fach­stellen «Bil­dung und Prop­stei» sowie «Pas­toral bei Men­schen mit Behin­derung», die diesen Anlass unter dem Titel «Acht­sames Aarau» bere­its zum zweit­en Mal organ­isiert haben. Rund um die Igel­weid ging es um Acht­samkeit. Acht­samkeit gegenüber Men­schen, die anders sind, sei es auf­grund ihrer Haut­farbe, ihrer Sprache oder ihrer Beeinträchtigung.[esf_wordpressimage id=33961 width=half float=right][/esf_wordpressimage]

Unter dem Mot­to «lauschen, schauen, erleben» wur­den Pas­san­ten ein­ge­laden, der Klezmer-Musik des Amal-Trios zuzuhören, sich beim QiGong zu entspan­nen, die Brun­nen der Stadt zu erkun­den oder sich beim VIP-Gespräch mit Frem­den auszu­tauschen.

Wissen statt Muskelkraft

Die Stadt­führun­gen wur­den von Therese Som­mer­halder jew­eils über­set­zt in die Gebär­den­sprache. Wer den Mut auf­brachte, kon­nte diese Exkur­sio­nen mit Blind­en­stock oder im Roll­stuhl miter­leben. Dabei ging wohl so manchem Teil­nehmer ein Licht auf. Beim Abstech­er in die Stadtkirche zum Beispiel stellte sich die Frage: «Wie kann ich jeman­dem im Roll­stuhl helfen, eine Treppe zu über­winden?» Entschei­dend war schliesslich nicht die Muskelkraft, son­dern schlicht das Wis­sen, wie und wo man am besten zupackt.

Für Isabelle Deschler war es eine span­nende Erfahrung, sich im Roll­stuhl durch die Stadt zu bewe­gen: «Zwei Dinge über­rascht­en mich: erstens, wie schwierig kle­in­ste Uneben­heit­en und schiefe Strassen sind, die man son­st nicht ein­mal bemerkt. Zweit­ens, wie höflich und hil­fs­bere­it mir die Men­schen begeg­net sind, wo ich Hil­fe gar nicht erwartete.»

«Es war gut, Teil der Stadt zu sein»

Fast schon «gefes­selt» an den Roll­stuhl fühlte sich Tama­ra Sen­nrich, aber: «nie­mand hat sich aufgeregt, dass ich den Weg versper­rte.» Sie habe sich akzep­tiert gefühlt. «Ich wurde auch gefragt, ob ich Hil­fe brauche. Das fand ich sehr schön.» Doch es sei befreiend gewe­sen, wieder aus dem Roll­stuhl aufzuste­hen. Tama­ra lebt selb­st mit einem Hand­i­cap. Was ihr diesen Som­mer zu schaf­fen macht, ist die Maskenpflicht. Sie ist aus medi­zinis­chen Grün­den vom Tra­gen ein­er Maske dis­pen­siert und wird deswe­gen oft «schräg angeschaut». «Ein­mal wurde ich sog­ar von der Secu­ri­ty aus einem Einkauf­szen­trum weggewiesen, trotz meinem Arztzeug­nis» erzählt die junge Frau.

Der Aktion­stag in Aarau bot neben den Exkur­sio­nen auch Strassen­musik, Spiele für Kinder, Anleitung zu Acht­samkeit in der Begeg­nung und vieles mehr. Wer dem Treiben in der Stadt ent­fliehen wollte, kon­nte in der Stadt­bib­lio­thek den Märch­en­erzäh­lerin­nen Esther Wirz und Iris Mey­er lauschen. «Bei uns geht es ums Zuhören und ums Acht­sam-Sein», erk­lärt Esther Wirz. «In vie­len Märchen begeg­nen die Pro­tag­o­nis­ten einem Zwerg oder einem anderen kleinen Wesen, das sie im Leben weit­er­bringt». Isabelle Deschler zieht ein pos­i­tives Faz­it: «Der Tag war bunt und bewegt. Es war ein fröh­lich­es Stück Leben inmit­ten von Musik und Kindern, die bar­fuss gehen, Steine bemalen, zum ersten Mal auf Stelzen laufen. Es war gut, ein Teil des Treibens der Stadt zu sein. Span­nend, wie sich auch ganz fremde Men­schen ansprechen liessen und dann sog­ar bei mehreren Ange­boten mit­macht­en.» Bleibt zu wün­schen, dass wir kün­ftig im All­t­ag alle ein wenig acht­samer wer­den.

Marie-Christine Andres Schürch
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