Ganz Mensch, bis zum Tod

Ganz Mensch, bis zum Tod

  • Auch in der let­zten Phase ihres Daseins wün­schen sich die meis­ten Men­schen Leben­squal­ität. 
  • Wesentlich dazu beitra­gen kann die Pal­lia­tive Care. Sie umfasst medi­zinis­che Behand­lun­gen, pflegerische Inter­ven­tio­nen, psy­chis­che, soziale sowie religiös-spir­ituelle Unter­stützung.
  • Die Pal­lia­tive Care und Begleitung ist ein zen­trales Anliegen und seit über zehn Jahren eine Erfol­gs­geschichte der Aar­gauer Lan­deskirchen. 

Als Folge des Alter­süber­hangs der hiesi­gen Gesellschaft wird das Ster­ben und die es beglei­t­en­den The­men in den näch­sten Jahrzehn­ten dom­i­nant. «Als Kirche haben wir hier die The­men­führerschaft», sagt Cather­ine Berg­er. «Nein, ich finde, dass wir diese eben nicht mehr haben», ent­geg­net Mar­tin Rot­zler. Es steckt Emo­tion­al­ität in der Sache. Das zeigten die Voten der öku­menis­chen Gespräch­srunde. Karin Tschanz: «Zen­tral ist, dass wir nicht mis­sion­ieren, son­dern für alle da sind – unab­hängig von Reli­gion, Kon­fes­sion und Weltan­schau­ung – dass wir bedürfnisori­en­tiert arbeit­en und unsere Auf­gabe mit Respekt und Pro­fes­sion­al­ität ange­hen.»

Hans Niggeli: «Als Kirche kön­nen wir unseren Teil ein­brin­gen. Ger­ade was Rit­uale rund ums Ster­ben und den Abschied ange­ht. Das Indi­vidu­elle hat meines Eracht­ens nicht die gle­iche Kraft wie die Jahrhun­derte alten Tra­di­tio­nen.» Cather­ine Berg­er: «Als Kirche wirken wir jedoch nur glaub­würdig, wenn wir in ein­er Sprache reden, die ver­standen wird und etwas aus­sagt, das die Men­schen weit­er­bringt im Denken, Han­deln und Glauben. Es muss aus alter Tra­di­tion Neues entste­hen.» Mar­tin Rot­zler: «In diesem Sinne würde ich Pal­lia­tive Care und Begleitung als Erfol­gs­geschichte beschreiben, die heutige Kirche sicht­bar macht am Puls der Men­schen. Das soll so bleiben.»

Jubiläumsfeier

Am Don­ner­stag, 25. Novem­ber 2021, wird im Kul­tur- und Kon­gresshaus Aarau das Jubiläum «10 Jahre (plus 1) Pal­lia­tive Care und Begleitung» began­gen: Mit Zer­ti­fikats­feier und dem Vor­trag von Rolf Ver­res, Facharzt für psy­chother­a­peutis­che Medi­zin, Musik­er und Fotograf. Weit­ere Infor­ma­tio­nen zum Anlass, zu den Aus­bil­dungslehrgän­gen oder zur Geschichte von Pal­lia­tive Care und Begleitung der Aar­gauer Lan­deskirchen gibt es auf www.palliative-begleitung.ch

Rückblende

Bere­its 1995 wird von der eid­genös­sis­chen Kom­mis­sion «Neuer Alters­bericht» fest­ge­hal­ten: «Die spir­ituelle Begleitung schafft und fördert ein Ver­trauen, das die Wirkung der medi­zinis­chen und pflegerischen Anstren­gun­gen zu einem dem Wesen des Men­schen entsprechen­den Ganzen ergänzt.» Dieser Ansatz motivierte auch Pfar­rerin Karin Tschanz. «Mein­er Ansicht nach kön­nen wir dann von einem guten Ster­ben sprechen, wenn Men­schen gemäss ihren Wün­schen begleit­et wer­den, nicht lei­den müssen und getröstet, geseg­net und ohne Angst ster­ben kön­nen.»

Karin Tschanz ver­ant­wortete 2004 als Geschäft­sleitungsmit­glied und Bere­ich­sleitung Seel­sorge der Reformierten Lan­deskirche Aar­gau das Pro­jekt Seel­sorgeen­twick­lung. Aus ein­er entsprechen­den Umfrage resul­tierte unter anderem der Wun­sch nach ein­er Gesprächssyn­ode zum The­ma. Diese fand 2009 unter dem Titel «Ganz Men­sch bis zum Tod» statt. Sie brachte klar zum Aus­druck, dass die Präsenz von Kirche bei Men­schen am Lebensende ein gross­es Anliegen sein muss. Darum erteilte die Syn­ode der Lan­deskirche den Auf­trag, eine Aus­bil­dung für Frei­willige in Pal­lia­tive Care und Begleitung zu konzip­ieren und einen Begleit­di­enst aufzubauen, der die Gemeinde- und Spezialpfarrer/innen unter­stützen soll. 

Triebfeder im Aargau

Karin Tschanz set­zte diesen Auf­trag als gut ver­net­zte Ken­ner­in der Materie um. Sie entwick­elte zer­ti­fizierte Lehrgänge in Pal­lia­tive und Spir­i­tu­al Care gemäss den Richtlin­ien der Fachge­sellschaft palliative.ch für frei­willige Begleit­per­so­n­en und Fach­per­so­n­en der Pflege, Seel­sorge, Psy­cholo­gie und Sozialar­beit. Die pro­movierte The­olo­gin baute den kan­tonalen Pal­lia­tive-Care-Begleit­di­enst auf, organ­isierte Fach­ta­gun­gen und The­menabende, betrieb Öffentlichkeit­sar­beit und beantragte eine Koor­di­na­tion­sstelle mit Sekre­tari­at. «Diese Pio­nier­ar­beit wurde nicht zulet­zt durch die Unter­stützung der dama­li­gen Kirchen­rat­spräsi­dentin Clau­dia Bandix­en ermöglicht», erin­nert sich Karin Tschanz – die nicht nur Aus­bil­dungslei­t­erin in Pal­lia­tive und Spir­i­tu­al Care der Aar­gauer Lan­deskirchen ist, son­dern auch Vor­standsmit­glied bei palliative.ch. 

Palliative Care und Begleitung in Zahlen

Seit 2010 bieten die Aar­gauer Lan­deskirchen mit Pal­lia­tive Care und Begleitung qual­i­fizierte Infor­ma­tion und Beratung über Pal­lia­tive Care und Ster­be­be­gleitung an für Betrof­fene, ihre Ange­höri­gen, Fach­per­so­n­en sowie die Bevölkerung. Ins­beson­dere begleit­en sie Kranke und Ster­bende durch Seel­sor­gende und qual­i­fizierte Frei­willige, wozu sie Frei­willige und Fach­per­so­n­en in Pal­lia­tive Care und Ster­be­be­gleitung aus­bilden.

1135 

Per­so­n­en wur­den von den Aar­gauer Lan­deskirchen aus­ge­bildet. Davon sind 608 Fach­per­so­n­en aus Pflege, Seel­sorge, Ther­a­pie, Ärzteschaft und 527 Frei­willige.

14 

Region­al­grup­pen, 1 Kan­ton­al­gruppe und eine ausserkan­tonale Gruppe in Olten bilden den Pal­lia­tive Care Begleit­di­enst.

66’853 

Stun­den Begleit­di­enst leis­teten Frei­willige bei Schw­erkranken und Ster­ben­den zwis­chen 2011 und 2021. Das entspricht der Arbeit von vier Vol­lzeit­stellen.

4
Per­so­n­en koor­dinieren zusam­men mit drei Stel­lvertreterin­nen die Ein­satzzen­trale.

Mittlerweile eine Topadresse

«Anfänglich war die Zusam­me­nar­beit erschw­ert, weil wir keinen konkreten Auf­trag hat­ten», erk­lärt Hans Niggeli, Fach­stel­len­leit­er Spezialseel­sorge der Römisch-Katholis­chen Kirche im Aar­gau, sein­er­seits die Aus­gangslage. «Es gab zwar die öku­menisch geführten Ster­be­be­gleitungskurse am Kan­ton­sspi­tal Baden unter dem Titel ‘Dasein bis zulet­zt’. Doch es brauchte ein­fach seine Zeit, bis sich schliesslich alles gut zusam­men­fügte.»

Seit dem 1. Jan­u­ar 2016 tra­gen alle drei Aar­gauer Lan­deskirchen Pal­lia­tive Care und Begleitung mit. Die ver­schiede­nen Koop­er­a­tio­nen – etwa mit der Aus­bil­dungsstätte Careum, mit pal­lia­tive aar­gau, SRK, Spi­tex, Hausärzten und Hausärztin­nen, Spitälern und Alters- und Pflegezen­tren im Kan­ton – fes­tigten Pal­lia­tive Care und Begleitung weit über das kirch­liche Umfeld hin­aus. «Es ist ein wun­der­bares Beispiel dafür, wie ein bib­lis­ch­er Auf­trag in eine zeit­gemässe Form gebracht wer­den kann», betont Cather­ine Berg­er, zuständi­ge Kirchen­rätin der Reformierten Kirche Aar­gau. «Solcher­lei kirch­lich­es Engage­ment wird auch von der Gesellschaft als richtig und gut wahrgenom­men.» Cather­ine Berg­ers Pen­dant im Römisch-Katholis­chen Kirchen­rat, Mar­tin Rot­zler, ergänzt: «Fol­gerichtig kon­nten sich die Aar­gauer Lan­deskirchen auf poli­tis­ch­er Ebene ein­brin­gen und wur­den als Part­ner ein­ge­laden, zur kan­tonalen Pal­lia­tive-Care-Strate­gie Stel­lung zu nehmen.» Karin Tschanz: «Diese inten­sive Beziehungspflege nach allen Seit­en war und ist mass­gebend. Mit­tler­weile sind wir im Zusam­men­hang mit Pal­lia­tive Care eine Topadresse.» Hans Niggeli: «Eben­falls spür­bar ist, dass durch diese her­aus­ra­gende Stel­lung die Seel­sorge im Gesund­heitswe­sen einen ganz anderen Stel­len­wert bekom­men hat.»

Marie-Christine Andres Schürch
mehr zum Autor
nach
soben