Das Tabu der Jungfrauengeburt

Das Tabu der Jungfrauengeburt

Er ist der vielle­icht promi­nen­stete Schein­vater der Welt, jen­er Mann, der als Krip­pen­fig­ur meist mit sor­gen­z­er­furchtem Gesicht eine Lat­er­ne über das neuge­borene Christkind hält. Die Bibel zeigt Josef jedoch nicht als Bet­ro­ge­nen, son­dern als beschei­de­nen Mann, der im Rah­men göt­tlich­er Vorse­hung Ver­ant­wor­tung und Für­sorge über biol­o­gis­che Tat­sachen stellt. Tugen­den, die auch heute noch Män­ner unter Beweis stellen.Doch lei­der verkün­den die meis­ten Kuck­ucks­geschicht­en keine fro­he Botschaft. Es sind vielmehr tragis­che Episo­den. Daran erin­nert uns die Bibel nicht. Darauf müssen wir schon sel­ber kom­men. Und wir soll­ten es. Nur so kann let­ztlich das Leid viel­er Män­ner und Kinder Lin­derung erfahren.Ausseror­dentlich­er Mut Als Mar­cel Jen­z­er vor fün­fzehn Jahren seine spätere Frau ken­nen lernt, eröffnet ihm diese als­bald, dass sie schwanger sei. Und zwar von einem anderen Mann. Was wird wohl Josef durch den Kopf gegan­gen sein, als ihm seine Ver­lobte Maria eröffnete, sie sei schwanger? Und dann nicht eben von einem anderen Mann, son­dern vom Heili­gen Geist. Gemäss Matthäus hat Josef zunächst mit dem Gedanken gespielt, das Ver­löb­nis aufzulösen. Alles andere wäre unter den dama­li­gen Ver­hält­nis­sen ein zweit­er Skan­dal gewe­sen. Josef hat­te also allen Grund, Maria in Schimpf und Schande der öffentlichen Ver­ach­tung auszuset­zen, musste er doch annehmen, dass sie das Ver­löb­nis gebrochen hat­te. Doch das tat Josef nicht. Nen­nt ihn der Evan­ge­list Matthäus wohl deswe­gen «gerecht», weil sich Josef nicht um die dama­li­gen Gepflo­gen­heit­en scherte? Bedeutet «gerecht», dass Josef über die emp­fun­dene Ver­let­zung hin­wegse­hen kon­nte und darauf verzichtete, seine Ver­lobte öffentlich bloss zu stellen? «Er will ihr gut, auch in der Stunde der grossen Ent­täuschung», schreibt Benedikt XVI. im let­zten Teil sein­er Jesus-Trilo­gie. Zudem beweist er «ausseror­dentlichen Mut im Glauben», indem er sich entschei­det, auf­grund eines Traumes, in welchem ihm ein Engel Gottes die Wahrheit von Marias Bericht bescheinigt, diese den­noch zur Frau zu nehmen. Josef übern­immt Ver­ant­wor­tung.Selb­stver­ständlich­er Herzensentscheid  Gut zweitausend Jahre später in Basser­dorf: Auch Mar­cel Jen­z­er übern­immt Ver­ant­wor­tung für ein Kind, das nicht von ihm ist. Als sich zeigt, dass der leib­liche Vater im Grunde nichts mit dem Kind zu tun haben will, erk­lärt sich Mar­cel Jen­z­er bere­it, das Kind zu adop­tieren. «Aus meinem Umfeld haben mich viele gewarnt», erin­nert sich der Lagerist. Für Mar­cel Jen­z­er ste­ht fest, dass er dem Kind einen sicheren Hafen bescheren will. Und die emp­fun­dene Liebe gegenüber sein­er späteren Frau will er sich nicht von einem Makel trüben lassen. «Das war doch selb­stver­ständlich, ein Herzensentscheid», meint der heute 48-Jährige. Dass das, was er getan hat, im Grunde Hochachtung ver­di­ent, darauf bildet sich Mar­cel Jen­z­er nichts ein. Er heiratet 1997. Drei Jahre später bringt seine Frau das zweite, gemein­same Kind zur Welt. Das Glück scheint vol­lkom­men.Vor­bild für Väter Auch Josef dürften ver­schiedene Leute aus seinem Umfeld abger­at­en haben, Maria als seine Frau anzunehmen. Une­he­liche Schwanger­schaften waren damals «ein Skan­dal, ein Affront», schreibt der deutsche The­ologe Ezzeli­no von Wedel. Entsprechend wird Josef, so glaubt der Autor, sich mit seinem Entscheid ungle­ich schw­er­er getan haben als Mar­cel Jen­z­er gut zweitausend Jahre später. Kommt hinzu, dass die fan­tastis­che Geschichte, welche Maria ihrem Ver­lobten auftis­chte, wohl als das verzweifelte Geflunk­er ein­er Gefal­l­enen anmuten musste. Dann träumt der Zim­mer­mann: «Josef, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen; denn das Kind, das sie erwartet, ist vom Heili­gen Geist». Zu fürcht­en hat­te Josef vor allem um den eige­nen Ruf. «Entsprechend kön­nen wir uns vorstellen, wie er mit dieser unge­heuer­lichen Traum­botschaft inwendig gerun­gen hat», schreibt Benedikt XVI. in seinem neuen Buch. Schliesslich tut Josef, was ihm der Engel nahe legt. «Er weiss nun, was er als das Rechte zu tun hat», schreibt Benedikt der XVI. in Anlehnung an die Beze­ich­nung des «Gerecht­en» im Evan­geli­um. Josef han­delt vor­bildlich.Min­destens ein Kuck­uck­skind pro Schulk­lasse Kuck­ucks­vater­schaften gibt es viele, doch es wird nicht darüber gere­det. In jed­er Schulk­lasse sitze min­destens ein Kuck­uck­skind, schrieb vor einem Jahr der Blick in einem Artikel zu diesem The­ma. Die meis­ten Kinder und Väter wis­sen es gar nicht. Und nur die wenig­sten Geschicht­en entwick­eln sich pos­i­tiv, so wie bei Josef oder jen­em Beispiel, das eine Berlin­er Pfar­rerin vor zwei Jahren in ihrer Radio-Wei­h­nacht­spredigt brachte. Eine Frau, schwanger, wird sitzen gelassen. Der ver­traute Kol­lege in der Fir­ma, bei der sich die Frau ausheult, trifft eine beherzte Entschei­dung: Er übern­immt die Vater­schaft.Die Ohn­macht des Zweifel­vaters Den aller­meis­ten Kuck­ucksväter-Geschicht­en kommt jede Roman­tik, jede Glo­rie ab. «Es sind Geschicht­en von Bet­ro­ge­nen, die zu Zahlvätern degradiert wer­den und meist ihre Kinder nicht ein­mal mehr sehen kön­nen» weiss Ludger Pütz, der als Max Kuck­ucks­vater einen Blog zum The­ma betreibt und auf diese Art und Weise eine Möglichkeit zum Aus­tausch bietet. Auch Peter J. aus Schaffhausen fand auf http://kuckucksvater.wordpress.com/ Trost. Seine Frau hat­te, als sie sich von ihm tren­nte, in einem Stre­it ein­mal gemeint, er sei im Grunde nicht der Vater seines Sohnes. Sei­ther lebt Peter J. im Zweifel. «Ein Gefühl der Ohn­macht, ein unau­flös­lich­es Dilem­ma», beken­nt der Betrof­fene gegenüber Hor­i­zonte.Bet­ro­gen und abge­blitzt Mar­cel Jen­z­ers Geschichte nimmt lei­der eine unglück­liche Wen­dung. Seine Frau nimmt sich einen anderen Mann, säuft und flüchtet mit den Kindern auf den Bauern­hof ein­er Fre­undin. Es kommt zur Tren­nung, das Jugen­damt schre­it­et ein, die Tochter lan­det in ein­er Pflege­fam­i­lie, der Sohn in einem Heim. «Sie hat alles getan, damit ich so wenig wie möglich Kon­takt zu den Kindern habe. Warum auch immer», klagt der Lagerist. Doch es kommt noch dick­er. Kaum hat Mar­cel Jen­z­er ein paar Jahre seine neue Part­ner­in und spätere, zweite Frau Yvonne ken­nen lernt, macht ihn diese darauf aufmerk­sam, dass sie kaum Ähn­lichkeit­en zwis­chen ihrem Part­ner und dessen Sohn erken­nen kann. Mar­cel Jen­z­er entschliesst sich zu einem Vater­schaft­stest. «Das Resul­tat war ein Ham­mer­schlag: Der Test fiel neg­a­tiv aus», erin­nert sich der 48-Jährige. Sei­ther zahlt Mar­cel Jen­z­er für zwei Kinder, die nicht von ihm sind und die er kaum sehen darf. Doch die Gerichte liessen den Bet­ro­ge­nen immer wieder abblitzen. «Es ist unge­heuer­lich, dass in der Schweiz eine Vater­schaft nur innert der ersten fünf Jahre wieder­rufen wer­den kann» empört sich Yvonne Jen­z­er. «Meist kommt die Wahrheit bei Kuck­uck­skindern ohne­hin erst spät ans Licht», meint Mar­cel Jen­z­er. «Beson­ders, wenn in der Beziehung alles rund läuft, ignori­erst du doch alle Zweifel».Keine Kon­se­quen­zen für Müt­ter Ludger Pütz hofft mit seinem Blog eine bre­ite Öffentlichkeit für die Prob­leme der betrof­fe­nen Män­ner sen­si­bil­isieren zu kön­nen. Schick­sale wie jene von Mar­cel Jen­z­er ken­nt er zuhauf. Zudem teilt er das Schick­sal mit den Betrof­fe­nen. Das grosse Prob­lem sei, dass die Ver­ant­wor­tung der Müt­ter nicht hin­re­ichend berück­sichtigt werde. «Es ist doch unge­heuer­lich, wenn eine Frau einem Mann sagt: Das ist dein Kind. Obschon es nicht stimmt. Und rechtlich bleibt das ohne Kon­se­quen­zen für die Müt­ter.»Glück in der zweit­en Beziehung  Obschon Mar­cel Jen­z­er «böse unten­durch» musste, hat er den Lebens­mut nicht ver­loren. Dies dank sein­er zweit­en Frau Yvonne, die ihn, wie er sagt, wun­der­bar unter­stützt hat. Gemein­sam brechen die bei­den das Tabu und tra­gen Marcels Schick­als an die Öffentlichkeit. Dies in der Hoff­nung, dass sich etwas verän­dert. «Ein Vere­in vielle­icht, der poli­tisch etwas bewe­gen kann», hofft Yvonne Jen­z­er. «Dafür wäre meine Frau die ide­ale Präsi­dentin», meint schmun­zel­nd ihr Mann.Andreas C. Müller  Geprellte Kuck­ucksväter, geschiedene Män­ner, die ihre Kinder nicht mehr sehen dür­fen — Diskri­m­inieren unsere Geset­ze die Väter? Schreiben Sie uns Ihre Mei­n­ung.
Redaktion Lichtblick
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