Augustin Keller und Heinrich Zschokke wussten es besser

Augustin Keller und Heinrich Zschokke wussten es besser

  • Hans Fässler find­et auf seinen Stadt­führun­gen kolo­niale Spuren – auch in Aarau.
  • Samuel Hun­zik­ers Tüch­er etwa waren Zahlungsmit­tel auf dem Sklaven­markt.
  • Eben­so wichtig ist Hans Fässler die Geschichte des Wider­standes von Christkatho­lik Augustin Keller.

Im Kul­tur- und Kon­gresshaus Aarau, wo heute Rein­hold Mess­ner über seine Bestei­gung des Nan­ga Par­bat spricht, trat­en im August 1898 die «Togomäd­chen» auf. «35 schöne Mäd­chen aus West­afri­ka» wur­den im Aar­gauer Tag­blatt angekündigt. Die Völk­er­schauen, wie sie damals genan­nt wur­den, waren kom­merzielle Zurschaustel­lun­gen von Men­schen aus kolonisierten und eroberten Gesellschaften. Nicht nur in den europäis­chen und nor­damerikanis­chen Metropolen seien die Ausstel­lun­gen beliebt gewe­sen, son­dern auch in kleinen Städten wie Aarau, sagt der His­torik­er Hans Fässler.

«Spuren­suche in Kolo­nialaa­rau»

Aus­ge­hend von ein­er kurzen Führung durch die Ausstel­lung Camille Kaiser im Aar­gauer Kun­sthaus führt Hans Fässler an Orte in Aarau, die von der Kolo­nialgeschichte der Stadt zeu­gen. Die Führung find­et am 13. Mai 2023 um 16.30 Uhr statt und kostet 8 CHF.

Auf sein­er Stadt­führung Spuren­suche in Kolo­nialaa­rau wird Hans Fässler beim Schlössli halt machen, das im 18. Jahrhun­dert einem Tuch­händler namens Samuel Hun­zik­er gehörte. Dieser han­delte mit bedruck­ten Baum­woll­stof­fen, die als Indi­ennes beze­ich­net wur­den. Die Indi­ennes wur­den nach Spanien, Por­tu­gal und Frankre­ich exportiert. Von dort gelangten sie via Afri­ka oder auf direk­tem Weg nach Süd- und Nor­dameri­ka. An der west­afrikanis­chen Küste waren die Tüch­er das Zahlungsmit­tel für die Sklavin­nen und Sklaven, die von dort ver­schleppt wur­den.

Dekolonialer Aktivist

«Wenn man an der Ober­fläche kratzt, dann kom­men kolo­niale Geschicht­en zum Vorschein», sagt Hans Fässler. Seit 2018 macht der His­torik­er Führun­gen zur kolo­nialen Geschichte in St. Gallen. Der pen­sion­ierte Gym­nasiallehrer und alt-Kan­ton­srat beze­ich­net sich als dekolo­nialer Aktivist. Er sei nicht nur His­torik­er am Schreibtisch. Hans Fässler geht auch an Demos, schreibt Zeitungsar­tikel und nimmt auch mal für eine Stunde den Tele­fon­hör­er in die Hand, um Wäh­lerin­nen und Wäh­ler für die Stän­der­atskan­di­datin der SP zu überzeu­gen. Seit 45 Jahren ist er Mit­glied der sozialdemokratis­chen Partei. Aus ein­er Arbeit­er­fam­i­lie stam­mend, sei er mit den The­men Arbeit­er­be­we­gung, Frauen­be­we­gung, Geschichte von unten sozial­isiert wor­den. Irgend­wann habe er ver­standen, dass es auch eine glob­ale Ebene gebe. Damit ver­bun­den die Fra­gen nach der Aus­beu­tung der Kolonien und der Sklaverei.

Koloniale Geschichten sind auch Geschichten des Widerstandes

Auf seinen Stadt­führun­gen will Hans Fässler nicht nur Unrechts- und Opfer­geschicht­en erzählen, son­dern auch Geschicht­en von Wider­stand. «Es gibt mir Kraft zu sehen, dass es in der Geschichte Men­schen gegeben hat, die Wider­stand geleis­tet haben», sagt Hans Fässler. Zu diesen Men­schen gehört etwa Augustin Keller. Der lib­er­al-radikale Poli­tik­er lebte im 19. Jahrhun­dert in Aarau. Er set­zte sich für die Emanzi­pa­tion der jüdis­chen Bevölkerung ein und sol­i­darisierte sich mit den amerikanis­chen Nord­staat­en, die im Sezes­sion­skrieg für die Befreiung der Sklavin­nen und Sklaven kämpften. Augustin Keller war es auch, der gegen die ultra­mon­ta­nen kon­ser­v­a­tiv­en Katho­likin­nen und Katho­liken antrat. 1871 war er Mit­be­grün­der der christkatholis­chen Kirche der Schweiz.

«Das war halt früher üblich» lässt Hans Fässler nicht gel­ten. In sein­er Chronik «Eine Geschichte der Sklavereikri­tik bis 1864» zitiert der Autor den Dominikan­er­mönch Anto­nio de Mon­tesinos, der schon in sein­er Predigt 1511 fragte, mit welchem Recht die «Indi­an­er» in solch «grausamer und schreck­lich­er Sklaverei» gehal­ten wür­den. Aus human­is­tis­chen, religiösen, aufk­lärerischen Grün­den hät­ten Men­schen schon früh darauf hingewiesen, dass die Sklaverei dem Men­schen unwürdig und ein Ver­brechen sei, sagt Hans Fässler.

Wiedergutmachung

Mit­tler­weile gebe es viel Forschungslit­er­atur, welche die kolo­nialen Ver­flech­tun­gen der Schweiz aufzeigten. Doch mit dem Wis­sen darum sei es nicht getan, ist Hans Fässler überzeugt. Darum hat der Aktivist das Schweiz­erische Komi­tee für Sklavereirepa­ra­tio­nen gegrün­det. In einem Dialog­prozess zwis­chen den Nachkom­men der­jeni­gen, die von der jahrhun­derte­lan­gen Aus­beu­tung prof­i­tiert haben, und den Nachkom­men der Opfer soll eine Wiedergut­machung aus­ge­han­delt wer­den.

Die Führung hält im Casinopark vor ein­er grün oxi­dierten Stat­ue eines Mannes, der als «Schrift­steller, Staats­mann und Volks­fre­und» beze­ich­net wird. Hans Fässler weiss von Hein­rich Zschokke noch eine andere Geschichte zu erzählen, näm­lich die Geschichte eines prononcierten Anti­ras­sis­ten.

Eva Meienberg
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