Das Patenamt im Wandel der Zeit

Das Patenamt im Wandel der Zeit

Viele Kinder erzählen mit Begeis­terung von ihren Pat­en. Gotte und Göt­ti sind ihnen wichtig als spezielle Bezugsper­so­n­en in ihrem Leben. Stimmt die Chemie, so über­dauert eine Paten­schaft das «Ver­fall­da­tum» der Volljährigkeit.Adri­an Mey­er war zwanzig, als ihn die Sän­gerin in sein­er Band anfragte, ob er sich denn vorstellen könne, der Göt­ti ihres Kindes zu sein. Nach einiger Bedenk­frist sagte der junge Mann ab. Kinder inter­essierten ihn nicht, zuge­sagt hätte er der Band­kol­le­gin zuliebe. Noch heute bereut der mit­tler­weile 35-Jährige diesen Schritt nicht. Der Gym­nasiallehrer hat mit­tler­weile zwei Kinder, doch nach wie vor keine Patenkinder. «Das will ich auch nicht», meint der gebür­tige Basler. Ich hadere schon immer damit, dass ich nicht genug Zeit für meine eige­nen Kinder habe. Da will ich mir nicht noch mehr aufhalsen.»Eingemis­cht Zeit ist für Karl Ander­matt das Wichtig­ste fürs Pate­namt. «Da geben dir Eltern das Ver­trauen und wollen, dass du dich ein­mis­chst, das Kind begleitest», so der fünf­fache Göt­ti. Schon mehr als ein­mal hat Karl Ander­matt erlebt, dass ihn die Eltern sein­er Patenkinder ange­gan­gen und gemeint haben: «Kannst du nicht mal mit unserem Kind sprechen, wir kom­men da grad nicht weit­er.»Gegen­seit­igkeit der Beziehung Beat Urech, Bere­ich­sleit­er Päd­a­gogik und Ani­ma­tion bei der Reformierten Lan­deskirche Aar­gau, ist qua­si Experte für das The­ma «Pate und Patin sein». In seinem Sab­bat­jahr hat der gebür­tige See­taler sich inten­siv in die The­matik ver­tieft und eine Arbeit darüber geschrieben. Es fol­gte eine kleine Broschüre in Ergänzung zu den Rat­ge­bern der Reformierten Lan­deskirche Aar­gau zu den kirch­lich begleit­eten Lebenssta­tio­nen. Selb­st dreifach­er Göt­ti, meint Beat Urech: «Zeit und Fan­tasie, das sind die bei­den wesentlichen Auf­gaben, die es braucht, um die Beziehung zu seinem Patenkind so zu gestal­ten, damit eine beson­dere, nach­haltige Beziehung entste­ht. Klar beruht dies auf Gegen­seit­igkeit. Ab einem gewis­sen Alter gestal­tet das Patenkind die Beziehung mit.»Viele Fra­gen Zumal er zum Paten­the­ma schon in diversen Mag­a­zi­nen und Wochen­schriften pub­liziert hat, wird Beat Urech oft ange­fragt. Wer eignet sich für eine Paten­schaft? Gibt es Rat­ge­ber fürs Pate­namt? Wie lange dauert eine Paten­schaft? Ist es möglich, eine Gotte oder einen Göt­ti auszuwech­seln, wenn sich die Erwartun­gen zwis­chen den Eltern und der ange­fragten Per­son nicht erfüllt haben? So jeden­falls laut­en die häu­fig­sten Fra­gen, mit denen Beat Urech immer wieder kon­fron­tiert wird. Im Grossen und Ganzen kann der 59-Jährige stets Per­spek­tiv­en aufzeigen, weil sich in den ver­gan­genen Jahrzehn­ten die Möglichkeit­en zur Gestal­tung des Pate­namts aus den star­ren kirch­lichen Tra­di­tio­nen gelöst haben.Prü­fung nicht notwendig In früheren Zeit­en als «Gevat­ter» bekan­nt, wur­den Pat­en stets mit Blick auf Absicherung der finanziellen Sit­u­a­tion aus dem Kreis der Fam­i­lie gewählt. Es ging hier­bei um exis­ten­zielle Ver­ant­wor­tung für den Fall, dass die Eltern ihre Auf­gabe nicht mehr wür­den wahrnehmen kön­nen. Ger­ade in früheren Jahrhun­derten kam es häu­figer vor, dass Kinder zu Waisen wur­den oder die Eltern ver­armten. Die Pat­en über­nah­men dann die Vor­mund­schaft. Eben­so spiel­ten die Pat­en früher eine wichtige Rolle bei der Ein­führung des Kindes in den Glauben. Dahinge­hend hat sich jedoch in den ver­gan­genen Jahrzehn­ten vieles verän­dert. «Die volk­stüm­liche Tra­di­tion des Pate­namts hat sich verselb­st­ständigt», so Beat Urech. Dies hat damit zu tun, dass immer weniger Men­schen noch eine starke Kirchen­bindung aufweisen. «Entsprechend ver­ste­hen viele nicht, warum die Lan­deskirchen noch darauf behar­ren, dass für die Taufe wenig­stens ein Paten­teil Mit­glied ein­er christlichen Kirche sein muss. Dabei ist dies die let­zte Anforderung, die es gibt.» Früher, so Beat Urech, seien Patin­nen und Pat­en regel­recht­en Glauben­sprü­fun­gen unter­zo­gen wor­den. Eine für heutige Ver­hält­nisse kaum noch vorstell­bare Sit­u­a­tion.Dop­pel­ter Auf­steller Die katholis­che Kirche ken­nt in ihrer Tra­di­tion das Amt des Firm­pat­en. «Für mich jew­eils ein dop­pel­ter Auf­steller», meint dazu Karl Ander­matt, «weil du im Gegen­satz zum Tauf­pate­namt nicht von den Eltern, son­dern von den Jugendlichen direkt ange­fragt wirst.» Bere­its vier Mal hat der 55-Jährige diese Auf­gabe über­nom­men. Über­haupt ist das Pate­namt in der katholis­chen Tra­di­tion stärk­er ver­ankert, da die Taufe zum Zeichen der Auf­nahme in die christliche Gemein­schaft kurz nach der Geburt erfol­gt und bere­its zu diesem Zeit­punkt die Pat­en ins Spiel kom­men. «In diesem Sinne hast du als Pate eine dop­pelte Funk­tion », meint Karl Ander­matt. «Zum einen bist du Zeuge für das Sakra­ment der Taufe, zum anderen ver­mit­telst du den Eltern: Wenn es mal Prob­leme gibt, ist jemand da.» Er habe sich nie als jeman­den ver­standen, der seinen Patenkindern die christliche Lehre beib­rin­gen soll, meint der erfahrene Göt­ti lachend.Erwartun­gen ans Ehre­namt «Es lohnt sich, die Anfrage für eine Paten­schaft gut zu über­denken», emp­fiehlt Beat Urech. Insofern sei es auch keine Schande abzulehnen. Eben­so emp­fiehlt der Göt­ti-Experte, mit den Eltern die gegen­seit­i­gen Erwartun­gen an die Gestal­tung der Paten­schaft zu klären. Dies kann Ent­täuschun­gen vor­beu­gen. Immer wieder werde er von Eltern gefragt, ob es auch möglich sei, einen neuen Pat­en zu wählen. Dies sei grund­sät­zlich mach­bar, genau­so wie die Möglichkeit, dass sich das Kind einen zusät­zlichen Göt­ti oder eine zusät­zliche Gotte wählt. Dass jemand eine Anfrage für eine Paten­schaft abgelehnt hat, so wie das beispiel­sweise Adri­an Mey­er getan hat, erachtet Beat Urech eben­falls als typ­isch für die heutige Zeit. «Die Leute machen sich heute deut­lich mehr Gedanken zur Paten­schaft als früher. Und ihnen ist bewusst, dass dieses Ehre­namt mit Erwartun­gen ver­bun­den ist.» Das bestätigt auch Karl Ander­matt. Er habe jew­eils zurück­ge­fragt, warum man genau ihn als Göt­ti wolle.Unverkrampfte Beziehung Ein Ver­fall­da­tum hat eine Paten­schaft eben­falls nicht, auch wenn in den Köpfen aus altherge­brachter Zeit noch die Ideev­er­ankert ist, dass diese Beziehung mit Erre­ichen der Volljährigkeit zu einem Abschluss kom­men muss. «Sach­lich gibt es keine stich­haltige Begrün­dung dafür, dass eine Paten­schaft mit Erre­ichen der Mündigkeit der Kinder zu Ende gehen muss», meint Beat Urech. Wo die Beziehung stimmt, hält der Kon­takt oft über die Volljährigkeit der Patenkinder hin­aus. Er habe heute noch Kon­takt mit seinen drei Patenkindern, meint Beat Urech. Diese sind mit­tler­weile 24, 28 und 40 Jahre alt. «Die Beziehung beruht auf Gegen­seit­igkeit.»Andreas C. Müller 
Redaktion Lichtblick
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