Der fast verschlafene Angriff auf die Menschenwürde

Der fast verschlafene Angriff auf die Menschenwürde

Mit der Durch­set­zungsini­tia­tive, über die das Schweiz­er Stim­mvolk am 28. Feb­ru­ar abstimmt, kämpft die SVP für die kon­se­quente Ausweisung krim­ineller Aus­län­der. «Notwendig», meint der Aar­gauer-Parteisekretär Pas­cal Fur­er. «Zutief­st unchristlich und men­schen­ver­ach­t­end», warnt der renom­mierte katholis­che Sozialethik­er Thomas Wal­li­mann-Sasa­ki. Am 28. Feb­ru­ar 2016 wer­den viele Katho­liken die Durch­set­zungsini­tia­tive annehmen, auch wenn diese «keine Barmherzigkeit und kein Ver­ständ­nis für die Vielfalt von Sit­u­a­tio­nen» gel­ten lässt, wie Thomas Wal­li­mann-Sasa­ki, Leit­er des Sozialin­sti­tuts der Katholis­chen Arbeit­nehmer-Bewe­gung der Schweiz und Präsi­dent der bis­chöflichen Kom­mis­sion Justi­tia et Pax, also der poli­tis­chen Stimme der Schweiz­er Bis­chöfe, erk­lärt. Den Grund glaubt der Sozialethik­er in dem Umstand zu erken­nen, dass viele Katho­liken verun­sichert seien. Ger­ade jene, die der Kirche noch nahe stün­den. Und in der Tat: «Ich bin fremd gewor­den in meinem Land, füh­le mich unwohl und in grossen Teilen meines Lebens nicht mehr wie früher gebor­gen und zuhause», heisst es in einem Leser­brief an Hor­i­zonte. «Auf dem Bahn­hof höre ich viele Sprachen, die ich nicht mehr zuord­nen kann. Eben­so auf der Post, im Einkauf­s­laden… prak­tisch über­all in meinem All­t­ag. Selb­st in meinem katholis­chen Pfar­rblatt blick­en mich fremd­sprachige Seit­en an.» Viele Leute glaubten, ihre Prob­leme hät­ten mit den Aus­län­dern zu tun, führt Thomas Wal­li­mann-Sasa­ki weit­er aus. «Seit diese gekom­men sind – so glauben viele –, ist die Sit­u­a­tion bei uns aus dem Lot ger­at­en.» Die SVP ver­spreche mit ihrer Ini­tia­tive, dass sie mit ein­fachen Mass­nah­men die heile Welt wieder her­stellen könne. Der Aar­gauer SVP-Parteisekretär Pas­cal Fur­er sieht das anders: «Die kon­se­quente Auss­chaf­fung von Krim­inellen macht die Schweiz sicher­er, sichert Sozial­w­erke durch Senkung des Sozialmiss­brauchs und schützt anständi­ge und inte­gri­erte Aus­län­der».«Chris­ten müssen nein stim­men» Anstelle der üblichen Einzelfall­beurteilung durch die Gerichte soll ein Delik­te-Kat­a­log die Voraus­set­zun­gen für einen Auss­chaf­fungsentscheid definieren. Diese offenkundig andere rechtliche Behand­lung gegenüber Schweiz­erin­nen und Schweiz­ern soll auch für Sec­on­dos gel­ten: Für Men­schen, die wie Schweiz­erin­nen und Schweiz­er in diesem Land geboren wur­den und aufgewach­sen sind, deren Eltern aber Aus­län­der sind. Der Sozialethik­er Thomas Wal­li­mann-Sasa­ki wählt deut­liche Worte: «Da gibt’s aus christlich­er Sicht nichts abzuwä­gen. Diese Ini­tia­tive ver­let­zt die Men­schen­würde – ger­ade auch von Men­schen, die ein Delikt began­gen haben.» Sie reduziere das Gesetz auf mech­a­nis­che Automa­tis­men und zer­störe damit schon fast bösar­tig men­schlich­es Zusam­men­leben. «Aus christlich-ethis­ch­er Sicht», so das Faz­it des Justi­tia et Pax-Präsi­den­ten», muss man nein stim­men.«Unver­hält­nis­mäs­sig» und «unbarmherzig» Auss­er der SVP ver­w­er­fen alle mass­geben­den poli­tis­chen Parteien die Durch­set­zungsini­tia­tive. Gle­ich zwei Kom­mis­sio­nen der Schweiz­er Bis­chöfe kri­tisieren die Ini­tia­tive deut­lich: Migra­tio (beschäftigt sich mit der Seel­sorge für Migranten) und Justi­tia et Pax (für poli­tisch-soziale The­men). Die Ini­tia­tive sei «unnötig, respek­t­los und ungerecht», heisst es. Car­i­tas Schweiz beze­ich­net die Ini­tia­tive als «unver­hält­nis­mäs­sig». Bere­its Bagatellde­lik­te wür­den zu ein­er Ausweisung führen und kön­nten Fam­i­lien auseinan­der­reis­sen. Der Zürcher Syn­odal­rat­spräsi­dent Ben­no Schnüriger erachtet die Ini­tia­tive gar als schlichtweg «unbarmherzig».Sec­on­dos schon heute aus­gewiesen Bei der SVP kon­tert man die Kri­tik mit Ver­weis auf den Volk­swillen und die bere­its heute übliche Prax­is. «Ausweisun­gen von Aus­län­dern der zweit­en Gen­er­a­tion sind heute schon möglich und find­en auch statt», erk­lärt der Aar­gauer SVP-Parteisekretär Pas­cal Fur­er. Zudem stimme es nicht, dass die Ini­tia­tive gegen die Gewal­tenteilung ver­stosse. Das sei «eine reine Behaup­tung der Geg­n­er.»Ein Vier­tel des Kan­tons unter Gen­er­alver­dacht Ein Blick in die Zahlen des kan­tonalen Amts für Sta­tis­tik zeigt: Von 644 830 Ein­wohner­in­nen und Ein­wohn­ern im Aar­gau sind rund ein Vier­tel Aus­län­der. Diese wären bei Annahme der Durch­set­zungsini­tia­tive kün­ftig vor Gericht gegenüber Schweiz­erin­nen und Schweiz­ern benachteiligt, auch wenn sie in der Schweiz geboren und aufgewach­sen sind. 219 326 Ein­wohner­in­nen und Ein­wohn­er sind römisch-katholisch, das ist etwa ein Drit­tel der Aar­gauer Gesamt­bevölkerung. 52 061 Per­so­n­en der römisch-katholis­chen Bevölkerung im Aar­gau haben keinen Schweiz­er Pass, also knapp ein Vier­tel aller Katho­liken. Ten­denz steigend, wenn es nach den Schätzun­gen des Schweiz­erischen Pas­toral­sozi­ol­o­gis­chen Insti­tuts SPI geht. Die Römisch-Katholis­che Kirche wan­delt sich zur «Migra­tionskirche» inner­halb der Aus­län­derin­nen und Aus­län­der zunehmend wichtiger wer­den. «Christliche Migra­tions­ge­mein­den», so das SPI, «tra­gen in hohem Masse zu verän­derten Gesicht­szü­gen des christlichen Glaubens in der Schweiz bei. Sie erbrin­gen zudem wichtige Leis­tun­gen im Rah­men der Inte­gra­tion von Migran­tinnen und Migranten in der Schweiz.»Auch die Ital­iener betrof­fen Im Aar­gau stellen die Ital­iener seit drei Gen­er­a­tio­nen unter den Ander­ssprachi­gen inner­halb der Römisch-Katholis­chen Kirche die grösste Bevölkerungs­gruppe. In Baden sind es 9 000 Gläu­bige, Lenzburg-Wohlen zählt 7 500 Gläu­bige, Brugg 4 500. Die Seel­sor­gen­den und admin­is­tra­tiv­en Mitar­bei­t­en­den sind mehrheitlich eben­falls Aus­län­derin­nen und Aus­län­der (im Falle von Wohlen-Lenzburg vier Ital­iener und 2 Schweiz­er). «Auch diese Men­schen ste­hen kün­ftig unter Gen­er­alver­dacht», gibt Thomas Wal­li­mann-Sasa­ki zu bedenken. «Jed­er, der keinen Schweiz­er Pass hat, ist gefährdet.» Dazu gehören auch die 8 300 Mit­glieder der katholis­chen Albaner­mis­sion. Diese beschäftigt zehn Aus­län­der und einen Schweiz­er.Bischof Felix kämpft in den säku­laren Medi­en Wohl um im Namen des christlichen Glaubens ein weit­eres Beken­nt­nis zugun­sten von Barmherzigkeit gegenüber Aus­län­derin­nen und Aus­län­dern abzugeben, kämpft der Basler Bischof Felix Gmür an ver­schiede­nen Fron­ten expliz­it gegen die Durch­set­zungsini­tia­tive. In ein­er eigens Ende Jan­u­ar veröf­fentlicht­en Botschaft, mit einem Inter­view in der Schweiz­er Illus­tri­erten und dem Engage­ment in der soge­nan­nten «Gegen-Ini­tia­tive» will der Basler Bischof, der in seinem Palais in Solothurn selb­st Asyl­suchende beherbergt, die Gefühlsebene der Men­schen ansprechen und sie im Hin­blick auf die bevorste­hende Abstim­mung sen­si­bil­isieren. «Die Ini­tia­tive ist unver­hält­nis­mäs­sig, unzu­mut­bar und ungerecht», so Bischof Felix Gmür. «Was wären unsere Wirtschaft, unsere Wis­senschaft, Kul­tur, Sport und auch die Kirche ohne Aus­län­der? Unvorstell­bar, dass für einen grossen Anteil unser­er Bevölkerung spezielle Geset­ze gel­ten.» Zusam­men mit dem St. Galler Bischof Markus Büchel und dem Engel­berg­er Abt Urban Fed­er­er hat Felix Gmür einen «drin­gen­den Aufruf» unterze­ich­net, der für ein «Nein» zur Durch­set­zungsini­tia­tive der SVP wirbt. Der unter www.dringender-aufruf.ch am 25. Jan­u­ar 2016 lancierte Appell ruft alle Schweiz­er Bürg­erin­nen und Bürg­er dazu auf, die Durch­set­zungsini­tia­tive zu bekämpfen.Tanzver­bot vor Men­schen­würde Thomas Wal­li­mann-Sasa­ki räumt ein, dass sowohl die Schweiz­er Bischof­skon­ferenz als auch viele andere kirch­liche Insti­tu­tio­nen die Brisanz der The­matik zu lange unter­schätzt hät­ten. Erst als Abstim­mung­sprog­nosen der Durch­set­zungsini­tia­tive Ende Jan­u­ar intak­te Chan­cen ein­räumten, hätte es ein Umdenken gegeben, so der pro­fil­ierte Sozialethik­er. Erst spät Stel­lung bezog auch die Römisch-Katholis­che Lan­deskirche des Kan­tons Aar­gau. Und auch dies erst auf Anre­gung der reformierten Schwest­erkirche, wie Kirchen­rat Luc Hum­bel ein­räumt. Die Durch­set­zungsini­tia­tive sei kein The­ma, hat­te es noch Mitte Jan­u­ar auf Anfrage bei den Katho­liken geheis­sen. Begrün­dung: Es han­dle sich um einen gesamtschweiz­erischen, nicht kan­tonalen Kon­text. Man konzen­triere sich auf die Tanzver­botsini­tia­tive, über die im Aar­gau Ende Feb­ru­ar abges­timmt werde.Gemein­same Front Ende Jan­u­ar dann doch noch eine Medi­en­mit­teilung der Aar­gauer Katho­liken – zusam­men mit den Reformierten und den Christkatho­liken. Ein «bedeu­ten­der Schritt», wie Mar­cel Not­ter, Gen­er­alsekretär der Römisch-Katholis­chen Lan­deskirche Aar­gau erk­lärt. Zum ersten Mal über­haupt hät­ten die drei Aar­gauer Lan­deskirchen zu einem nationalen Abstim­mungs­the­ma öffentlich Stel­lung bezo­gen. Die Durch­set­zungsini­tia­tive wider­spreche den rechtsstaatlichen Grund­sätzen. Es tre­ffe ins­beson­dere jene aus­ländis­chen Mit­bürg­erin­nen und Mit­bürg­er am härtesten, die ihr ganzes Leben in der Schweiz ver­bracht hät­ten, heisst es in der Medi­en­mit­teilung. Die bib­lis­che Botschaft, wonach vor Gott alle Men­schen gle­ich sind, erfordere den Wider­stand der Kirchen, «wenn in der Ver­fas­sung eine unver­hält­nis­mäs­sige Ungle­ich­be­hand­lung allein auf­grund der Staat­sange­hörigkeit fest­geschrieben wer­den soll.»Bibel als Ori­en­tierung­shil­fe Justi­tia et Pax-Präsi­dent Thomas Wal­li­mann-Sasa­ki hofft, dass sich in den let­zten Wochen vor der Abstim­mung auch die Dekanate und Pfar­reien engagieren. «Wenn Jesus Men­schen aus­ge­gren­zt hätte, dann gebe es heute kein Chris­ten­tum.» Im Gegen­teil: Nahezu alle Geschicht­en im neuen Tes­ta­ment – ange­fan­gen beim barmherzi­gen Samarit­er bis hin zu ver­schiede­nen Episo­den aus der Apos­telgeschichte – zeigen: Alle Men­schen sind aus christlich­er Sicht Kinder des gle­ichen Gottes und daher mit Respekt zu behan­deln.
Andreas C. Müller
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