Der unliebsame Störenfried

Der «ver­weigerte Händ­e­druck von Ther­wil» lancierte die Diskus­sion zur Bedeu­tung von Reli­gion an der Schule. Hor­i­zonte hat mit einem katholis­chen Reli­gion­slehrer, einem Jugen­dar­beit­er und ein­er Aus­bil­dungslei­t­erin für Kat­e­ch­ese im Aar­gau gesprochen. Das Faz­it: Die aktuelle Diskus­sion zielt am The­ma vor­bei. Die Prob­leme liegen ander­swo und der Staat und «seine» Schulen machen keine gute Fig­ur dabei.Zwei Buben, die an ein­er Schule im Kan­ton Basel­land den Händ­e­druck ver­weigerten, avancierten zum medi­alen Block­buster. Hor­i­zonte ist ein ähn­lich­er Fall aus ein­er 4. Pri­mark­lasse im Aar­gau bekan­nt: Zwei elfjährige mus­lim­is­che Schü­lerin­nen mein­ten, als die Lehrper­son mit der Klasse die christliche Bedeu­tung des Oster­festes erläuterte: «Das dür­fen wir von zuhause aus nicht wis­sen.» Die Lehrper­son set­zte sich in diesem Fall allerd­ings durch und ver­wies darauf, dass es um wichtiges kul­turelles Grund­wis­sen gehe.

Diskrepanz zwischen Berichterstattung und Alltag

Clau­dia Rüegseg­ger als langjährige Kat­e­chetin und Lei­t­erin der öku­menis­chen Aus­bil­dung für Kat­e­ch­ese «For­Mod­u­la» im Aar­gau – das ist die Aus­bil­dung für ange­hende kon­fes­sionelle Reli­gion­slehrper­so­n­en – warnt. Nicht etwa davor, dass jet­zt ein Kon­flikt um die Rolle von Reli­gion an Schulen ent­bran­nt sei, son­dern vielmehr davor, dass seit­ens der Medi­en allzu rasch Kon­flik­te auf eine kon­fes­sionelle Ebene ver­schoben wür­den. «Beim Händ­e­druck genau­so wie bei den bei­den mus­lim­is­chen Mäd­chen ging es eigentlich um etwas anderes: Um Zwis­chen­men­schlich­es, um Nähe und Dis­tanz.»Auch Ben­jamin Ruch, Kan­tonaler Beauf­tragter der Römisch-Katholis­chen Lan­deskirche an der Kan­ton­ss­chule Baden – mit anderen Worten Reli­gion­slehrer und von der Römisch-Katholis­chen Lan­deskirche für beson­dere Pro­jek­te an der Schule besol­de­ter The­ologe, bestätigt die «Diskrepanz zwis­chen medi­aler Berichter­stat­tung und Schu­lall­t­ag.» An der Kan­ton­ss­chule in Baden gebe es sehr sel­ten Sit­u­a­tion, in denen Reli­giosität zum The­ma werde. «Let­zt­mals war das vor ein paar Jahren, als mus­lim­is­che Schüler das Bedürf­nis nach einem Gebet­sraum angemeldet hat­ten.» Die Schule habe Hand geboten, gebetet werde dort aber schon länger nicht mehr. «Wie auch bei manchen christlichen Jugendlichen han­delte es sich um eine kurze schwärmerische Phase.»

Religionsunterricht wird an den Rand gedrängt

Gle­ich­wohl: Der kon­fes­sionelle Reli­gion­sun­ter­richt wird schon seit Län­gerem aus den öffentlichen Schulen gedrängt. Mit der Debat­te um den «ver­weigerten Händ­e­druck von Ther­wil» rückt dieser Umstand nun ins Bewusst­sein ein­er bre­it­eren Öffentlichkeit. Es grassiert die Angst, radikale religiöse Min­der­heit­en kön­nten kün­ftig die Hand­habe bei Nor­men und Werten dik­tieren, weil in unser­er zunehmend säku­lar­isierten Gesellschaft der Bezug zu christlichen Werten und Tra­di­tio­nen abhan­den gekom­men sei.Pikant an der Sache ist die Geset­zes­lage, die Clau­dia Rüegseg­ger wie fol­gt zusam­men­fasst: «Im Artikel 72 sichert das Aar­gauer Schulge­setz dem kon­fes­sionellen Reli­gion­sun­ter­richt lan­deskirch­lich­er Anbi­eter zwei Lek­tio­nen im Regel­stun­den­plan an der Schule zu. Tat­sache ist jedoch, dass wir immer weniger Platz an der Schule haben – sowohl räum­lich als auch zeitlich. Der kon­fes­sionelle Unter­richt wird an den Rand gedrängt.»Beim BKS – Dem Departe­ment für Bil­dung, Kul­tur und Sport – zeigt man sich erstaunt. Das Inspek­torat habe bis anhin noch keine Mel­dun­gen erhal­ten, dass die zeitlichen und räum­lichen Vor­gaben nicht einge­hal­ten wür­den, meint Kat­ja Sascha Giger, stel­lvertre­tende Lei­t­erin Kom­mu­nika­tion. Überdies liege die Stun­den­plan-Gestal­tung in der Kom­pe­tenz der Schulen. «Tat­sache ist, dass man den Stun­den­plan in erster Lin­ie für die Schü­lerin­nen und Schüler opti­miert. Sprich, ein Fach, das weniger Schü­lerin­nen und Schüler besuchen – wie es auch beim kon­fes­sionellen Reli­gion­sun­ter­richt der Fall ist – wird eher als Rand­stunde ange­boten, damit der Rest der Klasse keine Zwis­chen­stunde hat.»

Schule stielt sich aus der Verantwortung

Ben­jamin Ruch sieht die Schulen mit ein­er anspruchsvollen Sit­u­a­tion kon­fron­tiert: «Ein­er­seits fällt die kirch­liche Sozial­isierung durch das Eltern­haus bei Kindern und Jugendlichen zunehmend weg, auf der anderen Seite inter­essieren Reli­gion und die exis­ten­ziellen Fra­gen des Lebens die Kinder und Jugendlichen nach wie vor.» Aus diesem Grund müsse Reli­gion an der Schule disku­tiert wer­den. «Säku­lare Schule darf nicht heis­sen, dass Reli­gion keine Rolle mehr spie­len darf. Dass Reli­gion je länger je mehr Pri­vat­sache wird, heisst auch nicht, dass sie an der Schule keine Rolle mehr spielt.»Auch Clau­dia Rüegseg­ger beobachtet die aktuelle Sit­u­a­tion mit gemis­cht­en Gefühlen. Zwar sei Reli­gion als Fach im Lehrplan ver­ankert, doch zwei­fle sie daran, dass die Lehrper­so­n­en dem Chris­ten­tum und damit den in der Schweiz gewach­se­nen religiösen Tra­di­tio­nen und Werten die erforder­liche Aufmerk­samkeit schenk­ten. «Ich habe das Gefühl, an den Schulen glaubt man, das gehe so neben­her. Jeden­falls bin ich als Exper­tin – und das gilt auch für viele mein­er Kol­legin­nen und Kol­le­gen – noch nie an der Schule ein­be­zo­gen wor­den.» Weit­er zweifelt Clau­dia Rüegseg­ger daran, dass sich die Lehrper­so­n­en über­haupt für die Bedeu­tung des kon­fes­sionellen Reli­gion­sun­ter­richts inter­essierten: «Ich habe bei mir im kon­fes­sionellen Unter­richt noch nie eine Lehrper­son gese­hen.»

Vom Mainstream zur Randerscheinung

Was von ver­schieden­er Seite als Prob­lem wahrgenom­men wird, beurteilt Willy Deck anders. Der kirch­liche Jugen­dar­beit­er koor­diniert auf der Fach­stelle Jugend und junge Erwach­sene der Römisch-Katholis­chen Lan­deskirche Aar­gau die Fir­mvor­bere­itung sowie das Pro­jekt «Angel Force». Willy Deck zweifelt je länger je mehr daran, dass die öffentliche Schule noch ein geeigneter Ort für Glaubensver­mit­tlung ist: «Was früher die Regel war, ist heute die Aus­nahme. Kinder, die an der Schule den kon­fes­sionellen Reli­gion­sun­ter­richt besuchen, sind heute die Aussen­seit­er, die noch eine Zusatzs­tunde besuchen müssen.» Für Willy Deck keine opti­male Voraus­set­zung für pos­i­tive Erfahrung im Umgang mit Reli­gion.Hinzu komme, dass an den Volkss­chulen die Lehrkräfte auch keinen «Bibelun­ter­richt« mehr erteilen müssten. «Das war, glaube ich, in der Kan­ton­alver­fas­sung ver­ankert.» Mit dem Fach «Reli­gion und Ethik» bliebe Reli­gion zwar The­ma, «der kon­fes­sionelle Unter­richt jedoch ist an vie­len Schulen aus organ­isatorischen Grün­den nicht mehr möglich.»Laut Willy Deck funk­tion­ieren hinge­gen sowohl die frei­willi­gen Fir­mvor­bere­itun­gen als auch andere Freizei­tange­bote wie Jung­wacht Blau­r­ing sehr gut. «Die Jubla hat nach wie vor einen Zuwachs bei den Mit­gliedern und die Möglichkeit, sich auf Augen­höhe mit Kirchen­vertretern auszu­tauschen», so Willy Deck, der als Kan­ton­al­präs­es die kirch­liche Ansprech­per­son für die Aar­gauer Jubla-Grup­pen darstellt.

Der Clinch mit den Vereinen

«Die Befürch­tung, dass es bei den Fir­mvor­bere­itun­gen zu einem Teil­nehmere­in­bruch kom­men kön­nte, haben sich nicht bestätigt. Im Gegen­teil», freut sich Willy Deck. «Wir haben eine ganz andere Akzep­tanz, weil die Teil­nahme ja auf Frei­willigkeit basiert.» Er selb­st habe mit 14- und 15-Jähri­gen aus dem Surb­tal sowie mit 15- und 16-Jähri­gen aus Würen­lin­gen das neue Fir­mvor­bere­itungsange­bot als «sehr befreiend» emp­fun­den. «Ich kon­nte viel bess­er auf die Bedürfnisse und Tal­ente der Jugendlichen einge­hen und auch ganz andere Sachen unternehmen», so Willy Deck.Clau­dia Rüegseg­ger sieht neben dem Pos­i­tiv­en auch Her­aus­forderun­gen: «Wenn bes­timmte Aspek­te wie die Sakra­menten­vor­bere­itung in die Freizeit ver­lagert wer­den, kom­men wir in Clinch mit den Vere­inen, die ihre Ange­bote eben­falls in der Freizeit anbi­eten.» Aus diesem Grund, aber auch aus per­sön­lich­er Überzeu­gung set­zt die Kat­e­chetin darauf, dass der kon­fes­sionelle Reli­gion­sun­ter­richt an den Schulen doch nicht sobald ver­schwindet. «Reli­gion hat immer auch mit Wurzeln zu tun», erk­lärt Clau­dia Rüegseg­ger. «Ger­ade wenn wir heutzu­tage ver­mehrt junge Men­schen aus ver­schiede­nen Reli­gio­nen an unseren Schulen haben, gehört es sich, dass man sich mit Reli­gion auseinan­der­set­zt, sich die eige­nen Wurzeln spiegelt und sicht­bar macht, was man glaubt.»

Bei Krisen gefragt

In exis­ten­ziellen Krisen spielt kon­fes­sionelle Reli­gion jedoch nach wie vor eine wichtige Rolle an der Schule, wie auch Ben­jamin Ruch unlängst erfahren durfte. «Beim Tod von Schü­lerin­nen und Schülern ist die ganze Schule betrof­fen und ich werde gebraucht», erk­lärt der Reli­gion­slehrer. «Als katholis­ch­er The­ologe habe ich im Umgang mit dem Tod eine Herange­hensweise mit­brin­gen kön­nen, die auf Anklang stiess.»Den Zugang über sich als Per­son pflegt Ben­jamin Ruch auch im geruh­samen Schu­lall­t­ag. «Ich ver­suche als The­ologe und Angestell­ter der Katholis­chen Kirche im Schu­lall­t­ag präsent zu sein. Wenn ich als diese Per­son pos­i­tiv wahrgenom­men werde, kann ich so eine Wirkung erzie­len.»      
Andreas C. Müller
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