«Die Diskussion erfordert mehr Demut»

«Die Diskussion erfordert mehr Demut»

Ob und wie weit die Präim­plan­ta­tions­di­ag­nos­tik kün­ftig erlaubt sein soll, wird an der Urne entsch­ieden. Paare, die eine kün­stliche Befruch­tung vornehmen lassen, sollen mit einem Screen­ing Embryos mit Chro­mo­somen­fehlern auss­chei­den kön­nen. «Nein», heisst es meist aus Kirchenkreisen mit Ver­weis auf die Men­schen­würde. Doch hin­ter den Mei­n­ungs­fron­ten find­en sich dif­feren­ziert­ere Sichtweisen. Die Aar­gauer Spi­talseel­sorg­erin Karin Klemm warnt vor einem moralis­chem Urteil, das Betrof­fe­nen und deren Sit­u­a­tion nicht gerecht wird.«Ja zum Men­schen, Nein zur Präim­plan­ta­tions­di­ag­nos­tik», lässt die Kom­mis­sion für Bioethik der Schweiz­er Bischof­skon­ferenz in ein­er Medi­en­mit­teilung ver­laut­en. Die PID sei eine «Selek­tion­stech­nik, bei der man sich das Recht anmasst, zu entschei­den, wer es ver­di­ent zu leben und wer nicht.» Die Ver­laut­barung über­rascht nicht. Ein Nein zur PID- Vor­lage war von kirch­lich­er Seite zu erwarten. Umso mehr über­rascht das Votum des Schweiz­erischen Katholis­chen Frauen­bun­des SKF. Laut ein­er Medi­en­mit­teilung sagt er Ja zur Ver­fas­sungsän­derung, über die am 14. Juni 2015 abges­timmt wird und welche die PID erlaubt. Der SKF macht die PID nicht nur zum Haupt­the­ma sein­er Delegierten­ver­samm­lung am 28. Mai 2015 in Liestal, er hat auf www.frauenbund.ch sog­ar einen Online-Mei­n­ungs­find­er lanciert. Wer die Fra­gen beant­wortet hat, erhält eine Ein­schätzung, wie er oder sie am 14. Juni 2015 abstim­men soll.Ein langer und kost­spieliger Weg Auch Adri­ana W. (Name von der Redak­tion geän­dert) wün­scht sich mit ihrem Part­ner ein Kind. Dass es schwierig wer­den würde, war der 32-Jähri­gen schon länger klar, sie bekam ihre Peri­ode nur unregelmäs­sig. Schliesslich fol­gte der Weg zu den Ärzten: Beratun­gen, Abklärun­gen – auch in finanzieller Hin­sicht. Die üblichen, nicht von der Kasse getra­ge­nen Kosten von gegen 8 000 Franken für einen Behand­lungszyk­lus über­stiegen das Bud­get der 30-jähri­gen Den­ta­las­sis­tenin und ihres eben­falls vol­lzeit beruf­stäti­gen Part­ners. Die bei­den kon­nten schliesslich in Basel im Rah­men ein­er Studie behan­delt wer­den und mussten nur die Hälfte bezahlen. Es fol­gten ver­schiedene Unter­suchun­gen, schliesslich wur­den ihr Hor­mone verabre­icht. Dann immer wieder Ein­griffe. Geklappt hat es nicht.Mit Respekt abwä­gen Men­schen, die wegen eines uner­füll­ten Kinder­wun­schs oder vorge­burtlich­er medi­zinis­ch­er Abklärun­gen im Spi­tal lan­den, hät­ten meist schon einen lan­gen Weg hin­ter sich, weiss Karin Klemm, Seel­sorg­erin am Kan­ton­sspi­tal Baden. «Ger­ade Frauen sind hier­bei bere­it, Erstaunlich­es auf sich zu nehmen.» Hinzu kom­men Äng­ste, welche eine Schwanger­schaft über­schat­ten. «Wird das Kind gesund? Was, wenn ich mich den vorge­burtlichen Vor­sorge-Unter­suchun­gen ver­weigere? Was, wenn ich diese Unter­suchun­gen machen lasse und dann die Diag­nose erhalte, dass mein Kind wom­öglich behin­dert oder krank zur Welt kom­men wird?» Es seien schw­er­wiegende Entschei­de, die getrof­fen wer­den müssten, in denen die Betrof­fe­nen trotz Gesprächen mit Fach­per­so­n­en oft ganz allein dastän­den, nicht sel­ten auch ohne den Draht zum Part­ner, so Karin Klemm. Sich schliesslich angesichts ein­er Diag­nose für oder gegen ein Kind entschei­den zu müssen, gehört wohl zum Schlimm­sten, was wer­den­den Eltern zuge­mutet wer­den kann. Auf der einen Seite ste­ht das bedin­gungslos­es Ja zum Leben, auf der anderen Seite ein schw­er belas­ten­des Schick­sal. «Ich kenne neben den Fam­i­lien, die sich durch das Leben mit einem behin­derten Kind reich beschenken lassen kön­nen, auch das Leid von Eltern, die ein behin­dertes Kind haben», erk­lärt Karin Klemm. Da sind Lebensen­twürfe über den Haufen gewor­fen wor­den, es gab Ent­behrun­gen, auch für bere­its vorhan­dene Geschwis­ter. Die The­olo­gin, selb­st Mut­ter, wün­scht sich daher, «dass wir es schaf­fen, über PID zu reden, ohne den Respekt zu ver­lieren vor denen, die Angst davor haben, dass sie ein krankes oder behin­dertes Kind haben kön­nten. Es brauche es in der ganzen Diskus­sion um die PID viel mehr Demut als uns in offiziellen Ver­laut­barun­gen ent­ge­genkomme, fordert die Spi­talseel­sorg­erin.Eigene Äng­ste An die Angst kann ich mich, Ver­fass­er dieses Artikels und selb­st Vater zweier Kinder, noch ganz gut erin­nern. Noch allzu gut weiss ich, wie wir als wer­dende Eltern zweimal bei der Frage nach «genaueren Unter­suchun­gen» geknif­f­en haben. Aus Furcht, her­nach einen Entscheid tre­f­fen zu müssen. Geblieben ist die Angst, was wird, wenn dann das Kind krank oder behin­dert zur Welt kommt. Immer wieder hat sie mich einge­holt, diese Angst – vielmehr Panik. «Das schaf­fen wir nicht», war immer wieder mein Gedanke. Je näher der Geburt­ster­min rück­te, umso öfter habe ich gebetet, dass unser Kind ja gesund sein möge. Belas­tende Momente, die mit der PID zumin­d­est jenen Paaren erspart wer­den kön­nen, die mit kün­stlich­er Befruch­tung auf Nach­wuchs hof­fen.Geg­n­er sehen Eltern aus der Ver­ant­wor­tung gezo­gen Befür­worter der PID führen ins Feld, dass kranke oder behin­derte Föten später sowie abgetrieben wür­den. Darum doch lieber gle­ich im Labor vor­sor­gen. Kein Argu­ment, find­et Thier­ry Col­laud, The­olo­gie-Pro­fes­sor an der Uni­ver­sität Freiburg und Präsi­dent der Kom­mis­sion für Bioethik der Schweiz­er Bischof­skon­ferenz. Die Kom­mis­sion emp­fiehlt entschei­den, die Vor­lage zu ver­w­er­fen. «Die spätere Ablehnung von Embry­onen befür­worten wir eben­falls nicht. Aber da sind Eltern wenig­stens mit der Ver­ant­wor­tung kon­fron­tiert, einen Entscheid tre­f­fen zu müssen», erk­lärt Thier­ry Col­laud auf Nach­frage. «Bei Annahme des PID-Geset­ze­sar­tikels am 14. Juni 2015 geschieht die Selek­tion im Labor, ohne dass sich die Eltern damit auseinan­der­set­zen müssen.»Die Frage nach dem Richtig oder Falsch Natür­lich kann man in Anbe­tra­cht der mit­tler­weile zur Ver­fü­gung ste­hen­den tech­nis­chen Möglichkeit­en zur Erfül­lung eines Kinder­wun­schs die Frage stellen, inwieweit es denn ein Recht auf Nach­wuchs gibt, wenn die Biolo­gie ver­sagt. Und solange wir im Mit­telmeer Tausende Men­schen ertrinken lassen, mutet unsere Diskus­sion über die Würde von unge­boren Leben vielle­icht fast schon ein wenig grotesk an. Doch indi­vidu­elle Nöte ori­en­tieren sich wed­er am Welt­geschehen noch an moralis­chen Beurteilun­gen. In der indi­vidu­ell emp­fun­de­nen Not zählt die Möglichkeit, einen Ausweg find­en zu kön­nen. Das ist nur allzu men­schlich. Wo sich die Schweiz auf geset­zlichem Wege ver­weigert, wer­den Paare im Aus­land für sich in Anspruch nehmen, was sie daheim nicht erhal­ten. Insofern stellt sich die Frage, ob die Geg­n­er der PID nicht gle­ich argu­men­tieren wie SVPler mit Blick auf die Gestal­tung der europäis­chen Beziehun­gen. Das sei so nicht richtig, meint Wal­ter Müller, Infor­ma­tions­beauf­tragter der Schweiz­er Bischof­skon­ferenz SBK. «Die Frage nach Ja oder Nein zu PID ist wed­er eine poli­tis­che noch eine wirtschaftliche Frage. Es han­delt sich um ein ethis­ches Prob­lem. Bei der Beurteilung von ethis­chen Fra­gen kann man doch nicht ein­fach kopieren, was das europäis­che Umfeld macht.» Die Schweiz stünde ja nicht gegen den Rest von Europa, so Wal­ter Müller weit­er. «Längst nicht alle Staat­en erlauben PID. – Die Schweiz hat die Chance, bei der Fortpflanzungsmedi­zin eine Hal­tung einzunehmen, die beispiel­haft sein kann für andere Staat­en. Es geht ja hier darum, das ethisch Richtige zu tun.» Das Richtige tun? Hiesse das, alle Staat­en, die PID zulassen, han­deln ethisch falsch? «Unser Ziel ist es, den Men­schen Argu­mente an die Hand zu geben, um in ein­er ethisch wichti­gen Frage entschei­den zu kön­nen», ent­geg­net der Infor­ma­tions­beauf­tragte der SBK.Falsche Sicher­heit Wie auch immer am 14. Juni 2015 entsch­ieden wird: PID bedeutet keine Garantie für gesunde Kinder. «Eltern, die sich ein­er PID unterziehen, sind in Gefahr, sich in ein­er falschen Sicher­heit zu wäh­nen. Das Leben in der Schwanger­schaft, unter der Geburt und danach birgt immer Risiken. Immer kann etwas Lebens­ge­fährden­des geschehen, daran wird auch die PID nichts ändern». erin­nert Spi­talseel­sorg­erin Karin Klemm.Möglichkeit der Manip­u­la­tion wird kri­tisiert Stim­men wie jene aus der SBK haben demge­genüber weniger das indi­vidu­elle Schick­sal im Auge als vielmehr die Aus­sicht, dass am men­schlichen Erbgut manip­uliert wird. Mit­tels PID wür­den men­schliche Embry­onen aus­geson­dert, die nicht ein­er klar definierten Norm entsprechen, meint Thier­ry Col­laud von der Bioethik-Kom­mis­sion der SBK. «Das geht ein­deutig in die Rich­tung, den Men­schen zu verbessern. Unser­er Ansicht nach verbessert man den Men­schen nicht, indem man Schwächen aus­merzt.» 
Andreas C. Müller
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