«Die Sprache muss einen Geschmack haben und Farbe und Klang»

«Die Sprache muss einen Geschmack haben und Farbe und Klang»

  • Usama Al Shah­mani ist ein wahrer Senkrecht­starter auf dem Schweiz­er Bücher­markt. Nach seinem preis­gekrön­ten Erstling, hebt nun auch sein zweit­er Roman, «Im Fall­en lernt die Fed­er fliegen», so richtig ab.
  • Am 4. Juni liest Usama Al Shah­mani im Kirchge­mein­de­haus Ram­part in Frick aus seinem neuen Buch vor und stellt sich anschliessend, wie im Rah­men der Ver­anstal­tungsrei­he «Leselust» gewohnt, den Fra­gen des Pub­likums.
  • Der aus dem Irak geflüchtete Autor ver­ste­ht es aus­geze­ich­net, die Erzäh­lkun­st sein­er Mut­ter­sprache auch in der deutschen Sprache auszuleben.


Asy­lanten nen­nen viele Schweiz­er die Men­schen, die in Asy­lun­terkün­ften wohnen und auf den Entscheid warten, ob sie in unserem Land bleiben dür­fen oder nicht. Dabei spielt es für diese Schweiz­er kaum eine Rolle, aus welchem Land und auf welche Weise die soge­nan­nten Asy­lanten ein­gereist sind. Sie inter­essieren sich in der Regel auch nicht dafür, aus welchem Grund diese Män­ner, Frauen und Kinder ihr eigenes Land ver­lassen haben, um in der Schweiz Zuflucht zu suchen.

Nur wenige Schweiz­er ken­nen die Unter­schiede zwis­chen den ver­schiede­nen Aufen­thalt­sausweisen B‑Flüchtling, F‑Flüchtling und F‑Ausländer. Usama Al Shah­mani aber ken­nt sie, denn der gebür­tige Irak­er floh vor 19 Jahren in die Schweiz, weil er ein The­ater­stück geschrieben hat­te.

Packend und berührend

Nicht jed­er, der die Flucht ergreift, hat die Fähigkeit, seine Erleb­nisse so pack­end und berührend in Worte zu fassen wie Al Shah­mani. Aber es sind Men­schen wie er, die all jenen eine Stimme und Sprache ver­lei­hen, die anson­sten dazu ver­dammt sind, ihre erdrück­ende Last aus Tode­sangst, Ver­lus­ten, Ungewis­sheit, Verloren‑, Anders- und Uner­wün­scht­sein unter lauter Frem­den ganz allein mit sich herumzu­tra­gen.

Erfolgreicher Erstling

[esf_wordpressimage id=“32323” width=“half” float=“left”][/esf_wordpressimage]Vor 50 Jahren in Bag­dad geboren, studierte Al Shah­mani ara­bis­che Sprache und mod­erne ara­bis­che Lit­er­atur und pub­lizierte drei Büch­er über ara­bis­che Lit­er­atur, bevor er 2002 wegen eines The­ater­stücks fliehen musste und so in die Schweiz kam. Hier arbeit­et er heute als Dol­metsch­er und Kul­turver­mit­tler und über­set­zt ins Ara­bis­che.

Seinen ersten Roman in deutsch­er Sprache veröf­fentlichte er 2018 unter dem Titel «In der Fremde sprechen die Bäume ara­bisch». Das Buch wurde ein Riesen­er­folg. Es erscheint dieses Jahr schon in der siebten Auflage, und Lit­er­aturkri­tik­erin Elke Hei­den­re­ich schwärmte im SRF Lit­er­atur­club: «Ich bin total ver­liebt in dieses Buch.» Ein Gefühl, das man sofort teilt, nach­dem man die ersten Seit­en dieses oder auch des zweit­en Romans gele­sen hat. Al Shah­mani malt Sprach­bilder, die beim ersten Lesen haften bleiben wie Blüten­pollen am Bienen­bein. Er ver­mit­telt Gefüh­le und per­sön­liche Ein­drücke ohne je schwül­stig oder gar kitschig zu wer­den, aber mit ein­er Inten­sität, die die Erzäh­lung zum Selb­ster­leb­nis macht.

Poetische Sprache

[esf_wordpressimage id=“32319” width=“half” float=“right”][/esf_wordpressimage]Sein zweit­er Roman, erschienen im August 2020 und wie schon der erste im Lim­mat Ver­lag Zürich, knüpft inhaltlich und vom Erzählstil her naht­los an den Vorgänger an. «Im Fall­en lernt die Fed­er fliegen» ist gle­ich­sam Titel und Pro­gramm der Lit­er­atur, die Al Shah­mani pflegt: «Die Sprache der Lit­er­atur muss einen Geschmack haben und Farbe und Klang. Sie muss Poe­sie enthal­ten. Das sind die Aspek­te, die einen Text gut machen.»

Durch das Schreiben find­et auch Aida, die Haupt­fig­ur des Romans, einen Weg, über ihre Heimat zu sprechen. Im Schreiben, und somit im Erzählen, ver­schmilzt die ara­bis­che Kul­tur mit der­jeni­gen der neuen Heimat. Das ist auch die grosse Kun­st, die das Schreiben Al Shah­ma­n­is ausze­ich­net. Er passt damit her­vor­ra­gend in die Ver­anstal­tungsrei­he «Leselust – Romane zu Migra­tion und Inte­gra­tion», die von der Fach­stelle Bil­dung und Prop­stei der Aar­gauer Lan­deskirche zusam­men mit 18 Koop­er­a­tionspart­nern organ­isiert wird (siehe Kas­ten unten). Wer Usama Al Shah­mani hört und liest, wird nie mehr leicht­fer­tig das Wort Asy­lanten in den Mund nehmen.

Christian Breitschmid
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