Die «Zehn-Millionen-Schweiz» löst Ängste aus

Die Schweiz ist sozial durch­mis­cht. Die sozial prekäre Sit­u­a­tion viel­er Men­schen und die Wün­sche gut­be­tuchter Einkom­menss­chicht­en stossen in der Städtepla­nung aufeinan­der, auch im Woh­nungswe­sen. Dem «Wohnen» wid­mete Car­i­tas seine diesjährige «soziale Tagung». Der ehe­ma­lige Sozialdirek­tor der Stadt Luzern, Rue­di Meier, rief dazu auf, sich gegen die steigen­den Boden­preise und die damit ver­bun­dene Spi­rale der automa­tis­chen Ent­mis­chung gewiss­er Stadt- und Sied­lung­steile zu wehren.

Auf­bauende Woh­nungspoli­tik sei nötig, denn die steigen­den Mieten und damit ver­bun­de­nen Äng­ste vor einem Woh­nungsver­lust führten bei vie­len Men­schen zu Exis­ten­zäng­sten, so Car­i­tas-Direk­tor Hugo Fasel. Wohn­poli­tik hängt immer auch mit Armuts­bekämp­fung zusam­men, dop­pelte Car­i­tas-Schweiz-Präsi­dentin Mar­i­an­gela Wal­li­mann-Bor­nati­co nach. Der Wohn­raum werde knapp. Angemessenes Wohnen sei ein soziales Men­schen­recht. Für einkom­menss­chwache Men­schen werde das Wohnen finanziell zu ein­er Belas­tung.

Leben­squal­ität und verdichtetes Wohnen
Die Lau­san­ner Städteplaner­in Ari­ane Wid­mer Pham forderte Leben­squal­ität in den Quartieren. In einem Neben­satz sprach sie von den Äng­sten der Bevölkerung vor dem verdichteten Bauen in den Wohnge­bi­eten, das die eige­nen Wün­sche ein­schränke. Sie sprach sich für ein qual­i­ta­tiv hochste­hen­des verdichtetes Bauen in den Städten aus, zu welchem alle Akteure wie die öffentliche Hand, Baugenossen­schaften, pri­vate Anbi­eter, soziale Werke, langfristige und kurzfristige Inve­storen Hand bieten müssten. Den wirtschafts-lib­eralen Stand­punkt brachte Fredy Hasen­maile, Leit­er Immo­bilien­analyse bei der Gross­bank Cred­it Suisse in Zürich, in die Diskus­sion ein. Zuwan­derung und Wohl­stand führten zu ein­er Sät­ti­gung des Wohn­mark­tes. 1970 ver­fügte eine Per­son in der Schweiz über zwanzig Quadrat­meter Wohn­raum, heute seien es 44 Quadrat­meter. Diese Zahl steige wegen des knap­pen Wohn­raumes kaum weit­er. Die Mieten für die Woh­nun­gen seien bei hohen Einkom­men kein Prob­lem, bei tiefen Einkom­men wür­den diese zu ein­er Belas­tung, meinte der Red­ner.

«Mark­t­mech­a­nis­men» und Ein­schränkun­gen
Dem Wohnbe­darf sei heute die «Raum­pla­nung» geopfert wor­den, beklagte der Red­ner. Am Beispiel von Genf erk­lärte der Red­ner, dass die poli­tis­chen Ein­griffe zu ein­er «kün­stlichen Knap­pheit» im Woh­nungs­markt geführt hät­ten. Die Stadt habe in der Wohn­bauförderung die Bedin­gung gestellt, dass in den «Zones de Développe­ment» bei Neubaut­en zwei Drit­tel Sozial-Woh­nun­gen sein müssten. Das habe die Inve­storen abgeschreckt. Hasen­maile forderte darum, dass im Woh­nungs­bau die «Mark­t­mech­a­nis­men» spie­len müssten. Wenn der Boden knapp werde, müsse in die Höhe gebaut wer­den. Das passe vie­len Schweiz­ern zwar nicht, die gern in einem grü­nen Garten wohnen möcht­en. Aber «irgend­wo müssen wir den Preis bezahlen», meinte Hasen­maile.

Ver­net­zung und Trans­parenz
Inve­storen haben in kar­i­ta­tiv­en Kreisen oft nicht den besten Ruf. Doch Lösun­gen kön­nen nur gemein­sam gefun­den wer­den. Die Hil­f­swerke sollen darum den Kon­takt zu den Inve­storen suchen, sagte der Direk­tor des eid­genös­sis­chen Bun­de­samtes für Woh­nungswe­sen, Ernst Hau­ri. Er hat­te von Car­i­tas den Auf­trag erhal­ten, über das Wohnen in ein­er «Zehn-Mil­lio­nen-Schweiz» zu reden. Hau­ri meinte, wenn es der Schweiz­er Wirtschaft schlechter gehen würde, gin­ge auch das Bevölkerungswach­s­tum zurück. Das Bun­de­samt bemühe sich um die Ver­net­zung der ver­schiede­nen Akteure auf dem Woh­nungs­markt und um die Sen­si­bil­isierung für die ver­schiede­nen Anliegen. Das Amt halte sich jedoch aus der Miet­preis­bil­dung her­aus, bemühe sich aber um «Trans­parenz» im Woh­nungs­markt.

Starke Belas­tung bei kleinen Einkom­men
35 Mil­liar­den Franken wür­den jährlich an Miet­zin­sen in der Schweiz gezahlt, erk­lärte Philippe Thal­mann, Pro­fes­sor für Raum­pla­nung in Lau­sanne. 9,5 Mil­liar­den Franken davon wür­den die Haus­be­sitzer an die Steuerämter abgeben. Gemäss Thal­mann hät­ten diese Abgaben kaum einen Ein­fluss auf die Entwick­lung der Miet­zinse. Eine weit­ere Zahl führte der Red­ner an. Bei einem Einkom­men unter 5000 Franken betrage die Belas­tung durch den Miet­zins 35 Prozent des Haushalts.

Mit Vielfalt gegen Ghet­toisierung und «Gen­tri­fizierung»
Die Men­schen müssten in ihrem Kampf gegen die Ghet­toisierung in Städten unter­stützt wer­den, forderte der ehe­ma­lige Sozialdirek­tor der Stadt Luzern, Rue­di Meier, der heute ein­er Baugenossen­schaft vorste­ht. «Viele Wohnal­ter­na­tiv­en» seien das beste Mit­tel gegen eine Ghet­toisierung. Durch­mis­chung diene in den Quartieren der Inte­gra­tion und dem Kon­takt zwis­chen den ver­schiede­nen Grup­pen wie Fam­i­lien, Alle­in­ste­hen­den, Zuzügern, Benachteiligten, Pen­sion­ierten oder Betagten. Die Wohn-Poli­tik müsse sich ein Beispiel an den Schulen und der Aus­bil­dung nehmen, wo die gesellschaftliche Durch­mis­chung bere­its erfol­gre­ich prak­tiziert werde. Und der Red­ner warnte: «Die Spi­rale der soge­nan­nten Gen­tri­fizierung, das heisst die automa­tis­che Ent­mis­chung gewiss­er Stadt- und Sied­lung­steile als Folge der wirtschaftlichen Entwick­lung, beziehungsweise der steigen­den Boden­preise, dreht sich stark und bedro­ht den gesellschaftlichen Zusam­men­halt.» Es müsse unbe­d­ingt Gegen­s­teuer gegeben wer­den, so die aktuelle Forderung der Stunde.

Georges Scher­rer, kipa

 

 

 

 

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Redaktion Lichtblick
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