Dreizehn Jahre gelebte Nächstenliebe

Dreizehn Jahre gelebte Nächstenliebe

  • Der Sozial­preis der Aar­gauer Lan­deskirchen 2018 ging an fünf Pro­jek­te, die alle auf ehre­namtlich­er Arbeit beruhen.
  • Haupt­preisträger waren die Pro­jek­te «treff.punkt» in Wet­tin­gen und «Speis & Gwand» der reformierten Kirchge­meinde Oftrin­gen.
  • Hor­i­zonte besuchte «Spi­is & Gwand», das Armuts­be­trof­fe­nen Klei­der und Essen ver­mit­telt, vor allem aber neuen Lebens­mut schenkt.
 Seit dreizehn Jahren steckt Son­ja Neuen­schwan­der einen grossen Teil ihrer Energie und Zeit in «Spi­is & Gwand». Viel Herzblut investiert sie in das Pro­jekt, das Men­schen in schwieri­gen Sit­u­a­tio­nen mit Klei­dern, Essen und Beratung unter­stützt. Und doch sagt sie: «Ich will mich erset­zbar machen». Es ist ihr wichtig, dass «Spi­is & Gwand» auch ohne sie funk­tion­iert.

Alles freiwillig

Die Mit­grün­derin ist in einem 20-Prozent-Pen­sum vom Vere­in «kirch­liche Gemein­dear­beit» der reformierten Kirchge­meinde Oftrin­gen angestellt. Daneben arbeit­et sie viele Stun­den ehre­namtlich. Und mit ihr ein Team von 30 Frei­willi­gen, ohne die das Sozial­pro­jekt nicht beste­hen kön­nte. Sie kom­men aus den Lan­deskirchen und aus Freikirchen. Die meis­ten wohnen in der Umge­bung, viele sind schon mehrere Jahre dabei. 80 Arbeitsstun­den leis­ten sie wöchentlich.

Anerkennung und Geldsegen

Ende Okto­ber erhielt «Spi­is & Gwand» zusam­men mit dem Wet­tinger Vere­in «treff.punkt» den Sozial­preis der Aar­gauer Lan­deskirchen. Vor zwei Wochen kam noch eine Ausze­ich­nung dazu: die Franke Stiftung in Aar­burg ver­lieh dem Pro­jekt den Franke-Preis. Ins­ge­samt 17’000 Franken erhält «Spi­is & Gwand» dank der bei­den Ausze­ich­nun­gen. Die Anerken­nung motiviere zum Weit­er­ma­chen, sagt Son­ja Neuen­schwan­der. Das Geld soll zur Deck­ung von Unkosten dienen, aber auch in neue Pro­jek­te fliessen: «Es sind einige Ideen vorhan­den, diese müssen jedoch noch reifen», erk­lärt Son­ja Neuen­schwan­der.

Abwärtsspirale stoppen

Für einen Franken kön­nen Armuts­be­trof­fene eine bes­timmte Anzahl Klei­der und Lebens­mit­tel mit­nehmen. «Essen und Klei­dung ist die Grund­lage», sagt Son­ja Neuen­schwan­der, «Doch fast wichtiger sind wir als Ort, wo man Mut und Hoff­nung schöpfen kann». Das Team von «Spi­is & Gwand» hil­ft den Men­schen auch mit Beratung und Begleitung. Wenn Son­ja Neuen­schwan­der eines gel­ernt hat, so dies: «Es kann wirk­lich jeden tre­f­fen». Sie weiss, dass Men­schen durch eine Schei­dung oder den Ver­lust der Arbeit in eine Abwärtsspi­rale ger­at­en kön­nen. Jeman­den als Per­son anzunehmen und aus der Iso­la­tion her­auszu­holen sei in solchen Sit­u­a­tio­nen essen­tiell. Ihr habe auch schon jemand gesagt: «Ihre seid meine Fam­i­lie». Solche Aus­sagen gehen Son­ja Neuen­schwan­der nahe und machen ihr die Ver­ant­wor­tung bewusst, die das Pro­jekt trägt.

Nicht reden, sondern handeln

Seinen Anfang nahm «Spi­is & Gwand» im Jahr 2006. Nach einem Sem­i­nar der reformierten Kirchge­meinde beschloss eine Gruppe von vier Frauen, nicht nur von Näch­sten­liebe zu reden, son­dern zu han­deln. Das erste Lokal war eine Garage, das zweite eine ehe­ma­lige Met­zgerei. Vor fünf Jahren bezog «Spi­is & Gwand» den Raum in Kün­goldin­gen mit Sec­ond­hand-Laden, Bistro, Spi­elecke, WC und grossem Lager­raum. Dort pack­en zwei Frauen ein­mal im Monat 50 Lebens­mit­teltaschen zum Verteilen. Geld- oder Nat­u­ral­spenden in Form halt­bar­er Lebens­mit­tel sind sehr willkom­men.

«Aufopfern» bringt nichts

Son­ja Neuen­schwan­der erlebte auch Zeit­en, in denen ihr das Engage­ment über den Kopf zu wach­sen dro­hte. Sie erkan­nte, dass anderen nur beis­te­hen kann, wer sich selb­st Sorge trägt und dass per­sön­liche Aufopfer­ung dem Pro­jekt let­ztlich schadet. Wichtige Kraftquelle und Moti­va­tion ist für sie der Glaube. So kon­nte Son­ja Neuen­schwan­der an und mit ihrem Pro­jekt wach­sen. Im Lauf der ver­gan­genen Jahre hat sie sich zur Sozial­man­agerin aus­bilden lassen. Und bald wird sie eine weit­ere Aus­bil­dung in indi­vid­u­alpsy­chol­o­gis­ch­er Lebens­ber­atung abschliessen. «Durch die Arbeit bei «Spi­is & Gwand» habe ich neue Inter­essen und Stärken ent­deckt», sagt sie rück­blick­end. Das gilt auch für die anderen Helfer: «Wir sind so organ­isiert, dass jede und jed­er das macht, was er oder sie gerne tut».Mehr über Spi­is & Gwand erfahren Sie hier.

Sozialpreis der Landeskirchen

Den Sozial­rat der Aar­gauer Lan­deskirchen (römisch-katholisch, reformiert und christkatholisch) gibt es seit dem Jahr 2000. Neben den Lan­deskirchen sind darin auch die Car­i­tas Aar­gau, HEKS Aargau/Solothurn, Pro Infir­mis und die Wirtschaft vertreten. Der Sozial­preis wurde dieses Jahr zum fün­ften Mal vergeben. Die Preis­summe von 25’000 Franken wurde auf zwei Haupt­preisträger («Spi­is & Gwand» und «treff.punkt») sowie drei Neben­preisträger aufgeteilt
Marie-Christine Andres Schürch
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