Erfolge in schwierigem Umfeld

Erfolge in schwierigem Umfeld

Dieses Jahr im Sep­tem­ber organ­isieren die Zofin­ger Kirchen erneut eine öku­menis­che Erwach­se­nen­bil­dungsrei­he zum The­ma Migra­tion und Reli­gion. Aus gutem Grund: Mit der kan­tonalen Asy­lun­terkun­ft ist die Stadt gefordert. Es gelang ein kon­struk­tiv­er Weg– auch dank dem Ein­satz der Kirchen. Hor­i­zonte hat sich vor Ort ein Bild gemacht.Fre­itag, halb neun Uhr mor­gens. Die Schulfe­rien in Zofin­gen sind zu Ende. Auch die Deutschkurse der durch die Kirchen getra­ge­nen IG Deutsch für Migran­tinnen und Migranten haben wieder begonnen. Annemarie Laugery organ­isiert als Vor­standsmit­glied jen­er Inter­es­sen­ge­mein­schaft diese Kurse. Zusam­men mit ihr und dem Diakonie-Ver­ant­wortlichen der Römisch-Katholis­chen Kirchge­meinde Zofin­gen, Peter Caliv­ers (eben­falls Vor­standsmit­glied der IG Deutsch), begeben wir uns ins katholis­che Kirchen­zen­trum Chi-Rho, wo in zwei Räu­men der Unter­richt stat­tfind­et: In vier Klassen für Anfänger bis Fort­geschrit­tene.

Liebes- und andere Flüchtlinge

Gertrud Pal­men übt mit drei Frauen und einem Mann ger­ade ein Dik­tat. Die gel­ernte Über­set­zerin unter­richtet die Fort­geschrit­te­nen. Ein kleines Mäd­chen aus Afghanistan sitzt eben­falls am Tisch und zeich­net. Es begleit­et seinen Vater zum Unter­richt. Die Mut­ter besucht bei den Anfängern den Deutschkurs.Wir schauen den Kursteil­nehmern über die Schul­ter. Es funk­tion­iert recht gut. Nach Abschluss der Übung kom­men wir mit den Anwe­senden ins Gespräch. Diana aus Georgien und Cile­sia aus Brasilien haben keinen Asy­lantrag gestellt, wie sie erzählen. Liebe und Heirat führten sie vor ein paar Jahren in die Schweiz. Sie nutzen die Gele­gen­heit, hier Deutsch zu ler­nen. «Wir haben schon oft die Erfahrung gemacht, dass gewisse Aus­län­derin­nen und Aus­län­der in reg­ulären Schulkursen über­fordert sind und nicht mitkom­men. Hier bei uns hinge­gen schon», erk­lärt mir Annemarie Laugery. «Allerd­ings müssen diese Schü­lerin­nen und Schüler mit Ausweis B und C – etwa 10 Prozent der Kursteil­nehmer – Kurs­geld bezahlen.»

Albanien, Afghanistan und Tibet

Qyqe, Mut­ter von vier Kindern, stammt aus Alban­ien. Sie kam via Deutsch­land vor 10 Monat­en in die Schweiz. Die Sorge um ihren schw­erkranken Sohn sowie ihre hohen Schulden liessen sie ihre Heimat ver­lassen. «In Alban­ien hast du keine gute medi­zinis­che Ver­sorgung, wenn du nicht reich bist. Ich kon­nte wegen meines Sohnes nicht mehr arbeit­en, musste mich wegen der Spi­tal­rech­nun­gen ver­schulden und wurde polizeilich ver­fol­gt, weil ich meine Schulden nicht bezahlen kon­nte – ich sollte ins Gefäng­nis», schildert sie ihre Geschichte. «Hier geht es meinem Sohn endlich bess­er, ich möchte hier bleiben.» Ein Wun­sch, der sich wohl kaum erfüllen lässt, ist Annemarie Laugery überzeugt. Qyqes Geschichte dürfte kaum die Bedin­gun­gen für Asyl in der Schweiz erfüllen.Zabi­ul­lah aus Afghanistan ist offen­sichtlich der einzig «echte» Flüchtling am Tisch. Da betritt just in dem Moment noch ein Ehep­aar aus Tibet den Raum. Die bei­den kom­men mit dem Rad aus Schöft­land, weil sie sich die Fahrkarte für den Bus nicht leis­ten kön­nen.

 «Unser Sozialsystem ist zu gut»

Durch­schnit­tlich 10 Per­so­n­en sind in den Kursen jew­eils anwe­send, erfahren wir von Annemarie Laugery. Doch kämen die Leute oft zu spät oder gar nicht. «Anstatt am Mor­gen aufzuste­hen, bleiben manche liegen, bei schönem Wet­ter wird gern eine gemein­same Unternehmung mit Bekan­nten dem Unter­richt vorge­zo­gen. Annemarie Laugery hat ver­sucht, der Sache auf den Grund zu gehen, hat Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan und aus anderen Län­dern mit dem Prob­lem kon­fron­tiert.«Mir hat jemand gesagt, er käme mir zu liebe in den Kurs. Er bräuchte in der Schweiz keine Deutschken­nt­nisse», berichtet Annemarie Laugery und schliesst daraus: «Unser Sozial­sys­tem ist zu gut. Für viele kein echter Anreiz, Deutsch zu ler­nen und her­nach zu arbeit­en.» Eine Hal­tung, welche die gel­ernte Kauf­frau und Organ­isatorin der Deutschkurse vor allem bei Mus­li­men beobachtet hat: «Syrische Chris­ten beispiel­sweise erk­lären, dass sie dur­chaus in ihr Land zurück­kehren kön­nen, wenn der Krieg dort vor­bei ist. In der Folge erhal­ten sie nur eine vor­läu­fige Auf­nahme, Unter­bringung in einem Mehrbett-Zim­mer ein­er Asy­lun­terkun­ft und zehn Franken pro Tag für den Leben­sun­ter­halt. Mus­lime hinge­gen behaupten, dass sie auch nach Kriegsende in ihrem Land bei ein­er Rück­kehr per­sön­lich ver­fol­gt wür­den und prahlen dann bei mir mit ihrer B‑Aufenthaltsbewilligung. Mit der Kon­se­quenz, dass sie eine eigene Woh­nung mieten dür­fen und diesel­ben Sozialleis­tun­gen erhal­ten wie jed­er Schweiz­er.» Ja, sie glaube auf­grund ihrer Erfahrun­gen, dass die Reli­gion mitver­ant­wortlich dafür sei, ob sich Flüchtlinge ehrlich ver­hal­ten oder nicht, fol­gert Annemarie Laugery.

Recht auf Deutschkurs erst mit Anerkennung als Flüchtling

Eine Aus­sage, die Peter Caliv­ers so nicht machen würde. «Ich habe auch zur Ken­nt­nis genom­men, dass syrische Chris­ten Nachteile haben, weil sie ehrlich sind.» Der Diakonie-Ver­ant­wortliche der Römisch-Katholis­chen Kirchge­meinde Zofin­gen wehrt sich aber gegen die «Gen­er­al­isierung auf Mus­lime». Er räumt zwar ein, dass «unser Sozial­sys­tem für gewisse Herkun­ft­sre­gio­nen die falschen Anreize bietet». Die Gründe sieht Peter Caliv­ers jedoch nicht bei der Reli­gion oder den Flüchtlin­gen, son­dern beispiel­sweise in dem Umstand, dass es in der Schweiz ein Recht auf Deutschkurse nach gel­ten­dem Asyl­recht erst mit der Anerken­nung als Flüchtling gebe. «Für eine Inte­gra­tion ist das zu spät und bietet möglichen Flüchtlin­gen keine motivieren­den Per­spek­tiv­en.» Zudem fehle der Schweiz ein sin­nvolles Ein­wan­derungs­ge­setz, weshalb das Asyl­recht für viele die einzige Möglichkeit für eine Aufen­thalts­genehmi­gung darstelle.Umso fro­her ist Peter Caliv­ers, mit der angedacht­en Erwach­se­nen­bil­dungsrei­he, die von den Zofin­ger Kirchen im Sep­tem­ber aus­gerichtet wird, einen wichti­gen Akzent set­zen zu kön­nen. Es werde in dieser Rei­he auch ganz expliz­it um den Islam gehen, erk­lärt er. Titel dieses Jahr: «Der Nahe Osten — Ganz nah bei uns». Der The­ologe und Leit­er des Bibel und Ori­ent-Muse­ums in Fri­bourg, Thomas Staubli, wird am ersten Abend (1. Sep­tem­ber 2016) den Nahen Osten aus the­ol­o­gis­ch­er Sicht beleucht­en. Es fol­gt am zweit­en Abend (8. Sep­tem­ber 2016) der Islamwis­senschaftler Rein­hard Schulze aus Bern, der die Kon­flik­t­si­t­u­a­tion in Syrien und die daraus resul­tieren­den Flüchtlingsströme analysieren wird.

Islamvertreter diskutieren mit katholischen Theologen

Als Höhep­unkt am drit­ten Abend (15. Sep­tem­ber 2016) wer­den Halit Duran, Präsi­dent Vere­in Aar­gauer Mus­lime (ste­ht für einen tra­di­tionellen, kon­ser­v­a­tiv­en Islam) und Jas­min El-Son­bati (Mit­be­grün­derin Forum für einen fortschrit­tlichen Islam) mit dem katholis­chen The­olo­gen und Erwach­se­nen­bild­ner Thomas Markus Meier über die ver­schiede­nen islamis­chen Strö­mungen in der Schweiz disku­tieren. Kri­tis­che Erfahrun­gen mit mus­lim­is­chen Ein­wan­der­ern und entsprechende Schlüsse, wie sie beispiel­sweise Annemarie Laugery zieht, wer­den dann aber nicht disku­tiert. Das würde anstelle eines inner­is­lamis­chen Stre­it­ge­sprächs nur dazu führen, dass sich die bei­den Podi­ums­gäste gemein­sam gegen «pop­ulis­tis­ches an den Kar­ren fahren» wehren müssten, erk­lärt Thomas Markus Meier.

Agitation in Aarburg, Zurückhaltung in Zofingen

Gle­ich­wohl: Es ist erstaunlich, dass es in Zofin­gen im Gegen­satz zu Aar­burg ruhig geblieben ist. Kein Protest­grillen, kein Auf­schrei der Poli­tik­er mit Blick auf zu befürch­t­ende Sozialkosten. Und das, obschon in Zofin­gen eine kan­tonale Asy­lun­terkun­ft ste­ht. Was hat Zofin­gen anders gemacht?«Man muss sehen, dass Aar­burg als eher finanzschwache Gemeinde mit einem sehr hohen Aus­län­der­austeil eine grund­sät­zlich schwierigere Aus­gangslage hat als Zofin­gen», erk­lärt Peter Caliv­ers. Im Gegen­satz dazu sei Zofin­gen zusam­men mit allen Beteiligten von Anfang an stets unaufgeregt und sachori­en­tiert vorge­gan­gen. «Man muss sich vorstellen: Ger­ade als in Aar­burg sein­erzeit die Emo­tio­nen hochgin­gen, kam in Zofin­gen die Nachricht, es werde eine kan­tonalen Asy­lun­terkun­ft für bis zu 170 Flüchtlinge geben. Da hat­ten viele Angst, dass es jet­zt in Zofin­gen genau­so her­auskom­men werde wie in Aar­burg», erin­nert sich Annemarie Laugery. Auch sie, die die Flüchtlingssi­t­u­a­tion auf­grund ihrer Erfahrun­gen sehr kri­tisch, aber auch dif­feren­ziert beurteilt, stellt der Stadt Zofin­gen ein gutes Zeug­nis aus. Beson­ders her­vor hebt sie, dass die Stadt eine Hot­line für die Bürg­erin­nen und Bürg­er ein­gerichtet, also die Äng­ste der Men­schen ernst genom­men und die Hand gere­icht habe.Als weit­ere Erfol­gs­fak­toren im Meis­tern eines schwieri­gen Umfelds ortet Peter Caliv­ers, dass die Stadt sofort den Lead in der Begleit­gruppe über­nom­men, stets trans­par­ent kom­mu­niziert und mit dem Kan­ton möglichst viel zugun­sten der Stadt aus­ge­han­delt habe. So zählen auch die in der kan­tonalen Asy­lun­terkun­ft leben­den Flüchtlinge zum Kontin­gent, das die Stadt aufnehmen muss, wie Wal­ter Siegrist, Leit­er Bere­ich Soziales der Stadt Zofin­gen, auf Anfrage erk­lärt.

Anschlusslösung für die kantonale Asylunterkunft

Seit zwei Jahren fungiert das alte Pflegezen­trum des Spi­tals Zofin­gen als kan­tonale Asy­lun­terkun­ft – mit abse­hbarem Ende. Eigentlich soll im Novem­ber 2016 Schluss sein, doch Peter Caliv­ers ver­mutet, dass die Frist vielle­icht um ein bis zwei Monate ver­längert wer­den kön­nte. Dazu Wal­ter Siegrist: «Das weit­ere Vorge­hen inklu­sive Zeit­plan wird Mitte Sep­tem­ber 2016 besprochen. Die Gemeinde Zofin­gen ist aber bere­its daran, eine Anschlus­slö­sung – nach Schlies­sung der Unterkun­ft an der Müh­lethal­strasse – zu suchen.»  
Andreas C. Müller
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