Erste Aargauer Notschlafstelle eröffnet Anfang September

Erste Aargauer Notschlafstelle eröffnet Anfang September

  • Seit Mon­tag, 25. Feb­ru­ar, existiert in Baden der Vere­in «Notschlaf­stelle Aar­gau». Im Sep­tem­ber kann nach jahre­langem Rin­gen die entsprechende Unterkun­ft eröffnet wer­den.
  • Dank Syn­ergien mit ein­er vom Sozial­w­erk «Hope» betriebe­nen «Not­pen­sion» kön­nen die Kosten tief gehal­ten wer­den. 80 Prozent der für einen drei­jähri­gen Pilotver­such erforder­lichen Gelder sind beisam­men. Den Rest soll der neuge­grün­dete Trägervere­in noch beschaf­fen. Hin­ter diesem ste­ht die Römisch-Katholis­che Lan­deskirche Aar­gau, die reformierte Kirchge­meinde Baden und das christliche Sozial­w­erk «Hope».
 Stäm­mig ste­ht «Tschu­di», wie ihn seine Fre­unde nen­nen, auf und klatscht. Vor gut 50 Anwe­senden, die zur Grün­dung des Vere­ins «Aar­gauer Notschlaf­stelle» ins reformierte Kirchge­mein­de­haus Baden gekom­men sind. Daniela Fleis­chmann, Lei­t­erin des Christlichen Sozial­w­erks «Hope», hat soeben die Eröff­nung der ersten Aar­gauer Notschlaf­stelle per 1. Sep­tem­ber 2019 in Baden angekündigt.

«Eine supertolle Sache»

Bald stim­men alle in den Beifall des bär­ti­gen Mannes mit All­wet­ter­hut ein. «Tschu­di» weiss, wie es ist, als Obdachlos­er in Baden auf der Strasse zu leben. Aus diesem Grund haben ihn die Ini­tianten des Pro­jek­ts Aar­gauer Notschlaf­stelle auch ein­ge­laden. In Liedern singt der vom Leben geze­ich­nete Mann von seinen Erfahrun­gen – vom vie­len Trinken, weil man die bedrück­enden Gedanken nicht mehr aushält. Oder davon, dass man zehn Tage keine Gele­gen­heit hat, sich zu waschen. Eine Notschlaf­stelle gab es damals nicht.«Ich find das eine super­tolle Geschichte, die da abläuft», meint «Tschu­di». Eröff­nen wird die Aar­gauer Notschlaf­stelle an der Oberen Halde in Baden — im Haus Erhart. Die Verträge seien unter­schrieben, am 1. Sep­tem­ber könne eröffnet wer­den, so Daniela Fleis­chmann. Dies nach jahre­langer Stan­dort­suche, nach Über­win­dung divers­er finanzieller Hür­den, nach inten­siv­er Pla­nungsar­beit (Hor­i­zonte berichtete) und immer wieder auch Rückschlä­gen.

Haus Erhart: Ein Stück Ehre für die mit dem harten Leben

Dem Namen der Liegen­schaft wolle man treu bleiben, meint Kurt Adler von der Fach­stelle Diakonie der Römisch-Katholis­chen Lan­deskirche Aar­gau. Im Namen Erhart steck­ten die Worte «Ehre« und «hart». Und Kurt Adler führt weit­er aus: «Men­schen, die auf der Strasse leben, haben ein hartes Leben. Sie sollen ihre Würde, ihre Ehre behal­ten – mit einem Dach über dem Kopf.»Man habe für den Aar­gau eine spezielle Lösung entwick­elt, so Daniela Fleis­chmann. Man vere­ine am Stan­dort zwei Insti­tu­tio­nen unter dem­sel­ben Dach mit gle­ichem Betreu­ungs­be­darf. So kön­nten die Kosten hal­biert wer­den. Im Gegen­satz zum Zürcher «Pfu­us­bus» set­ze man jedoch nicht auss­chliesslich auf Frei­willige in der Betreu­ung, son­dern auch auf Fach­per­son­al. Die Stellen wür­den ab März aus­geschrieben.

«Obdachlosigkeit kann jeden treffen»

So wird es also im Haus Erhart neben ein­er Notschlaf­stelle mit sechs Plätzen für Men­schen in kurzfristi­gen Not­si­t­u­a­tio­nen auch eine Not­pen­sion geben, die vom Sozial­w­erk «Hope» finanziert wird. Dort sollen sechs Per­so­n­en länger­fristig bleiben kön­nen. Die Notschlaf­stelle wird vom neu gegrün­de­ten Vere­in mit Spenden getra­gen. Bere­its habe man 450 000 Franken zusam­men, also 80 Prozent der für die ver­an­schlagte Pilotzeit von 3 Jahren erforder­lichen finanziellen Mit­tel.Obdachlosigkeit könne jeden tre­f­fen, so Daniela Fleis­chmann. Das bestätigt auch Christoph Zingg von den Pfar­rer Sieber-Werken und erzählt von einem erfol­gre­ichen Mann, dem sich seine Fam­i­lie ent­fremdet, weil er sich so sehr in die Arbeit gestürzt hat. Als er bei sein­er Frau einen Lieb­haber find­et, zer­bricht etwas in ihm – es wird der Beginn ein­er Jahrzehnte lan­gen Obdachlosigkeit mit schw­erem Alko­holkon­sum. Die schlingernde Odyssee endet im Zürcher «Pfu­us­bus» von Pfar­rer Sieber.

Längst nicht mehr nur Einzelschicksale

Reg­istri­erte diese Ein­rich­tung 2004 noch 1’400 Über­nach­tun­gen pro «Sai­son», so waren es im Win­ter 2017/18 über 5’500. «Früher», so Christoph Zingg, «waren Obdachlose Einzelschick­sale». Heute dro­he dies deut­lich mehr Men­schen – nicht zulet­zt, weil es in Zürich immer schwieriger gewor­den sei, noch eine bezahlbare Woh­nung zu find­en. Immer mehr Men­schen lebten auch in der Gefahr, auf­grund ein­er einzi­gen grösseren Rech­nung in die Armut abzu­gleit­en. «Und immer mehr Men­schen ohne Obdach sind krank und nie­mand küm­mert sich», führte der Gesamtleit­er der Pfar­rer Sieber-Werke weit­er aus.Unter den Anwe­senden find­en sich einige kirch­lich Tätige wie die reformierte Sozial­diakonin Yvonne Keller. Konkret hat sie aktuell mit ein­er Fam­i­lie zu tun, welche ihre Woh­nung zu ver­lieren dro­ht. Aber auch junge Men­schen sind an jen­em Abend nach Baden gekom­men. Rahel Müller und Mar­co Rass­er beispiel­sweise. Er hat im «Hope» seinen Zivil­dienst absolviert und im Kon­takt mit den Armuts­be­trof­fe­nen dort real­isiert, dass es im Aar­gau keine Notschlaf­stelle gibt. Also hät­ten er und Rahel Müller samt Band einen Bene­fiz-Anlass auf die Beine gestellt. Um Geld zu sam­meln für die erste Aar­gauer Notschlaf­stelle. Am 1. Sep­tem­ber wird diese ihren reg­ulären Betrieb aufnehmen. Am 31. August gibt es einen «Tag der offe­nen Tür», davor ste­hen Umbauar­beit­en zwecks Erfül­lung der feuer­polizeilichen Mass­nah­men an. Und natür­lich sollen noch die Nach­barn best­möglichst informiert wer­den, beteuert Daniela Fleis­chmann. Am 11. März gibt es einen ersten Info-Abend. 
Andreas C. Müller
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