Hirten und Hirtinnen geben Kraft und Elan

Hirten und Hirtinnen geben Kraft und Elan

Jere­mia 23,1–6«Weh den Hirten, die die Schafe mein­er Wei­de zugrunde richt­en und zer­streuen – Spruch des Her­rn. Darum – so spricht der Herr, der Gott Israels, über die Hirten, die mein Volk wei­den: Ihr habt meine Schafe zer­streut und ver­sprengt und habt euch nicht um sie geküm­mert. Jet­zt ziehe ich euch zur Rechen­schaft wegen eur­er bösen Tat­en – Spruch des Her­rn. Ich selb­st aber samm­le den Rest mein­er Schafe aus allen Län­dern, wohin ich sie ver­sprengt habe. Ich bringe sie zurück auf ihre Wei­de; sie sollen frucht­bar sein und sich ver­mehren. Ich werde für sie Hirten bestellen, die sie wei­den, und sie wer­den sich nicht mehr fürcht­en und ängsti­gen und nicht mehr ver­lorenge­hen – Spruch des Her­rn.»Ein­heit­süber­set­zung (gekürzt) 

Hirten und Hirtinnen geben Kraft und Elan

Im Früh­jahr dieses Jahres luden zwei Pro­fes­sorin­nen an der The­ol­o­gis­chen Hochschule Chur alle Frauen, welche seit 1968 dort studiert haben, zu einem Tre­f­fen ein. Welch­er Reich­tum an Erfahrung wurde da aus­ge­bre­it­et wie ein gross­er, bunter Tep­pich. Wir erin­nerten uns, welche Per­so­n­en uns vor und während des Studi­ums geprägt haben, ja uns ermutigt und Kraft gegeben haben, das The­olo­gi­es­tudi­um und die spätere jahrzehn­te­lange kirch­liche Tätigkeit als The­ologin­nen und Seel­sorg­erin­nen zu begin­nen und auszuüben. Wir gehörten damals zu den Pio­nierin­nen. Ich erin­nerte mich an fol­gende Begeg­nung. Der dama­lige Bischof Anton Häng­gi kam zu Besuch und lud alle Studieren­den des Bis­tums Basel zu einem Einzelge­spräch in die Arven­stube des Priestersem­i­nars in Chur ein. Wer diesen Geruch von Arve, vom Boden bis zur Decke, ken­nt, ver­gisst ihn nie mehr. Er gab mir ein Gefühl der Boden­ständigkeit. So sass ich mit Bischof Häng­gi allein am Tisch. Er fragte, hörte zu, inter­essierte sich für meine Erfahrun­gen im Elendsvier­tel in Paris, war da mit sein­er güti­gen, her­zlich-war­men Art. An den Inhalt des Gespräch­es mag ich mich nicht mehr gross erin­nern. Aber das Inter­esse an mein­er Per­son als suchende Frau hat mich berührt und mich unglaublich motiviert. – «Ein Hirte» inter­essiert sich für mich? Es ist keine alltägliche Erfahrung, nicht?Oder ein­er mein­er Chefs lud mich zu einem Gespräch in sein Büro ein. Ich dachte schon, dass irgen­det­was nicht gut gelaufen sei. Mir wurde recht mul­mig dabei. Jedoch inter­essierte er sich für meine Arbeit und wie es mir geht. Und das Aller­wichtig­ste in jen­em Moment: «Wenn Sie etwas brauchen oder nicht gut läuft, Sie kön­nen jed­erzeit bei mir vor­beikom­men.» Er gehört aber nicht zu den kirch­lichen Chefs, son­dern ist ein Gefäng­nisleit­er. Und wenn er im Besucher­raum, wo ich die Gefan­genen emp­fange, mit einem Gast vor­beikommt, stellt er mich immer vor und sagt: «Das ist unsere Seel­sorg­erin.» So etwas berührt und gibt Kraft und Elan.«Ich selb­st aber bringe die Zer­streuten und Ver­lore­nen zurück auf ihre Wei­de; sie sollen frucht­bar sein …»Dem Propheten Jere­mia sind alle Hirten offen­bar sus­pekt. Sie han­deln entwed­er zu ihrem eige­nen Vorteil, zur Selb­st­darstel­lung oder nehmen ihren Auf­trag nicht ernst, für die zu sor­gen, die ihnen anver­traut sind.Wir kön­nen hier viele Beispiele anfü­gen, wo Hirten ihre Anver­traut­en entwed­er nicht sehen, nicht ernst nehmen oder sog­ar miss­braucht haben. Das Nicht-ernst-genom­men-Wer­den der Mitar­bei­t­erin­nen und Mitar­beit­er und Anver­traut­en ist weitver­bre­it­et, nicht nur in der Kirche. Ich höre oft davon. Manch­mal höre ich aber auch, dass es im Leben von Men­schen Vorge­set­zte gab und gibt, die sie gefördert und unter­stützt haben, über ihre Pflicht hin­aus.Hirte oder Hirtin sein ist eine feine und ver­ant­wor­tungsvolle Arbeit. Zu ent­deck­en, was ein Men­sch braucht und ihm das Mögliche zu geben, ist inter­es­sant. Andere Men­schen zu nähren, damit sie gestärkt weiter­gehen kön­nen, ist erfül­lend und macht Freude. Wir alle sehnen uns nach inspiri­erten, nach nähren­den Hirten und Hirtin­nen, nach Men­schen, die einen Sinn für das Gemein­same haben, die zusam­men­führen kön­nen und die schlicht und ein­fach Freude an den Men­schen haben.«… und sie wer­den sich nicht mehr fürcht­en und ängsti­gen und nicht mehr ver­lorenge­hen – Spruch des Her­rn.»Let­ztlich und im Tief­sten ist es «der Hirte» selb­st, der uns leit­et und führt: «Denn du bist bei mir», wie der Psalmist weiss (Psalm 23).Anna-Marie Fürst, The­olo­gin, arbeit­et in der Gefäng­nis­seel­sorge und in der Seel­sorge für Men­schen mit Behin­derung in den Kan­to­nen Aar­gau, Basel-Stadt und Zug
Redaktion Lichtblick
mehr zum Autor
nach
soben