
Im Kleinen schaffen, was im Grossen fehlt
- In einem jüdisch-araÂbisÂchen Dorf schafÂfen die BewohnerÂinÂnen und BewohnÂer im Kleinen, was im Grossen fehlt: Frieden.
- Der penÂsionÂierte reformierte PfarÂrer Christoph Knoch berichtet über das FriedensÂdorf «Neve Shalom/Wahat al-Salam» in Israel, das er seit vieÂlen Jahren kenÂnt und regelmäsÂsig besucht.
- Sein Artikel ist im NovemÂber in der interÂreÂligiösen Zeitung «zVisÂite» erschienen, an der auch HorÂiÂzonte mitÂgestalÂtet.
Von Tel Aviv nach Jerusalem rollt der Verkehr, für viele ist es der tägliche Arbeitsweg. Bevor die AutoÂbahn, eingezwängt zwisÂchen den judäisÂchen Bergen, rasch an Höhe gewinÂnt, leuchtÂen rechts die Häuser von Neve Shalom/Wahat al-Salam in der Sonne. Blutige SchlachtÂen wurÂden hier seit über 2000 Jahren geschlaÂgen, Makkabäer, KreuzÂfahrer, Briten, Araber und Israelis kämpften gegeneinanÂder. Die SchützenÂgräben sind zugeschütÂtet. Über den Ruinen araÂbisÂchÂer DörÂfer lädt der «Park CanaÂda» zu FamÂiÂlienÂausÂflüÂgen ein, und Kinder spieÂlen unter alten BäuÂmen.
Freizeitpark auf Gräbern
Von da schweift der Blick zur eheÂmaÂliÂgen KreuzÂfahrerburg, bewohnt von der deutschen JesusÂbrudÂerÂschaft, und zum FreizeitÂpark «Mini Israel». Nur wenige, die den Park besuchen, wisÂsen, dass sie über Gräber ägypÂtisÂchÂer SolÂdatÂen aus dem SechÂstage-Krieg von 1967 schlenÂdern. Auch das PanzÂerÂmuÂseÂum unterÂhalb des imposanÂten Klosters von Latrun, wo Mönche Wein und Likör zum Verkauf anbiÂeten, erinÂnert an kriegerische ZeitÂen.
[esf_wordpressimage id=41269 width=half float=right][/esf_wordpressimage]In dieser geschichtÂsträchtiÂgen Gegend grünÂdete Bruno HusÂsar Anfang der 1970er-Jahre das Dorf, das auf Hebräisch «Neve Shalom» und AraÂbisch «Wahat al-Salam» heisst. Der in Ägypten geborene Jude wurde in Paris katholisch und in Israel zum DominikanÂerÂpaÂter, startete mit einÂfachen BarackÂen und einem alten Bus; fliessendes WassÂer und Strom fehlten. Heute leben hier rund 300 Juden und Araber friedlich zusamÂmen. Gäbe es Platz, wären es mehr. Die meisÂten arbeitÂen in Tel Aviv oder Jerusalem.
Das Dorf im Film
Der FilmemachÂer Maayan Schwartz ist in Neve Shalom/Wahat al-Salam aufgewachÂsen. Sein Film «FriedenÂskinder» feierte kürÂzlich PreÂmiere in Tel Aviv: «Ich war überÂwältigt vom posÂiÂtivÂen Echo», erzählt der 35-Jährige. Im ZenÂtrum steÂhen dokuÂmenÂtarische FilÂmaussÂchnitte und Gespräche. «Ich konÂnte mit vieÂlen BekanÂnten und FreÂunÂden reden, die zwar mit mir aufgewachÂsen sind, später aber das Dorf verÂlassen und anderÂswo gelebt haben und schliesslich wieder zurückÂgekomÂmen sind», sagt Schwartz. So etwa mit seinem besten SchulÂfreÂund Hilal. Ihre Wege trenÂnten sich, als Hilal in der OberÂstufe in eine araÂbisch-christliche Schule in RamÂle wechÂseln musste. «Lange SchulÂtÂage und ein weitÂer Weg, da blieb wenig gemeinÂsame Zeit», erinÂnert sich Maayan. Doch nicht nur die fehlende Zeit brachte DisÂtanz. Hilal lebte von da an in einÂer anderen Welt, in einem anderen SchulÂsysÂtem mit SchuÂluÂniÂform, strenÂgen Regeln und grossen Klassen. [esf_wordpressimage id=41268 width=half float=left][/esf_wordpressimage]
Konflikte gehören dazu
Heute sind beiÂde wieder im FriedensÂdorf zu Hause, und Hilal stellt mit Bedauern fest, dass es in Israel immer noch ParÂalÂlelÂwelÂten gibt. «Die meisÂten Leute im Land bleiben in ihrer araÂbisÂchen oder jüdisÂchen BubÂble. Sie leben für sich und sehen die andern nicht.» «KonÂflikÂte sind unverÂmeiÂdÂbar, aber im Dorf könÂnen wir mit ihnen leben», berichtet Shireen im Film. Sie stamÂmen aus einÂer religiös-musÂlimÂisÂchen FamÂiÂlie, ist in Neve Shalom/Wahat al-Salam aufgewachÂsen und lebte nach der Hochzeit mehrere Jahre im Haus der FamÂiÂlie ihres Mannes in der AltÂstadt von Jerusalem. Für sie sei es unerträglich geworÂden, dass ihre Kinder in der Schule Lieder über palästiÂnenÂsisÂche MärÂtyrÂer sinÂgen mussten. «Wir wollÂten nicht, dass unsere Kinder täglich bis an die Zähne bewaffnete israelisÂche SolÂdatÂen zu sehen bekomÂmen», sagt sie. «Deshalb sind wir hierÂher zurückÂgekomÂmen, um mit Juden freÂundÂschaftlich zusamÂmenÂzuleben.»
Eine Erfolgsgeschichte
Das interÂnaÂtionÂal viel beachtete FriedenÂsproÂjekt bleibe ein Ort gelebter HoffÂnung, als WiderÂstandÂserkÂlärung gegen Hass, sagt die eheÂmaÂlige BunÂdesrätin Ruth DreiÂfuss im Film. Samuel Fanous, PfarÂrer der anglikanisch-araÂbisÂchen Gemeinde in der jüdisch-araÂbisch gemisÂchtÂen Stadt RamÂle, besuchte vor über vierzig Jahren zum ersten Mal einen Kurs in der «FriedenssÂchule» in Neve Shalom/Wahat al-Salam. «Dort habe ich gelÂernt, dass ich als araÂbisÂchÂer Christ Juden auf AugenÂhöhe begegÂnen und meine Geschichte offen erzählen darf, ohne angeÂgrifÂfÂen zu werÂden», fasst er seine ErfahrunÂgen zusamÂmen. Das habe seinen Umgang mit dem KonÂflikt veränÂdert: «Meine Geschichte gehört zu mir, so wie die meines Gegenübers zu ihm oder ihr gehört. Bis heute wird das in der FriedenssÂchule weitÂergegeben.»


