Menschen statt Dogmen

Abt Mar­tin Werlen, Ein­siedeln, wurde let­zthin unter­sagt, sich zum The­ma der Lib­er­al­isierun­gen der Ladenöff­nungszeit­en zu äussern. Kein Bischof solle das, lediglich die Komis­sion Justi­ta et Pax. Simon Spen­gler, Infor­ma­tions­beauf­tragter der Schweiz­er Bischof­skon­ferenz (SBK) und ehe­ma­liger Boule­vard-Jour­nal­ist, sprach im Inter­view über Kom­mu­nika­tion­shür­den inner­halb der SBK, was die Bis­chöfe vom Boule­vard-Blatt «Blick» ler­nen kön­nen, und welche Botschaften bei der SBK im Vorder­grund ste­hen müssten.

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Herr Spen­gler, wie wird die SBK in der Öffentlichkeit wahrgenom­men?
Simon Spen­gler: Sie wird zu wenig wahrgenom­men. Das ist ein gross­es Prob­lem. Die Bis­chöfe sind sich unter sich nicht einig, wie stark die SBK als geeintes Gremi­um nach aussen kom­mu­nizieren soll oder nicht. Für einige ste­ht die Autonomie als Diöze­san­bischof im Zen­trum. Die SBK soll in ihren Augen nur ein Koor­di­na­tion­s­gremi­um sein, kein Leitung­sor­gan. Die Innen­sicht und die Erwartun­gen der Öffentlichkeit der SBK gegenüber klaf­fen da weit auseinan­der.

Das würde ja Ihre Auf­gabe über­flüs­sig machen.
Es macht mir meine Auf­gabe jeden­falls nicht leicht. Gin­ge es nach mir, müsste die Bischof­skon­ferenz in der Öffentlichkeit ein anderes Gewicht haben. Natür­lich sollte sie sich auch vom Anspruch lösen, immer die absolute Wahrheit verkün­den zu wollen. Wenn ein Bischof davon aus­ge­ht, alle seine Worte seien in Ewigkeit gültig, wird es schwierig.

Warum aber schreiben Sie nicht ein­fach drei Medi­en­mit­teilun­gen pro Woche?
Weil der Absender das nicht wün­scht. Es ist nicht wichtig, was ich per­sön­lich denke, son­dern, was die Bis­chöfe wollen. Man kann sie nicht zwin­gen zu kom­mu­nizieren. Einzelne, wie Abt Mar­tin Werlen, Bischof Charles Morerod in der Romandie oder Markus Büchel sind zwar aktiv. Aber die Bischof­skon­ferenz als Ganzes tritt kaum auf.

Wüssten Sie als ehe­ma­liger «Blick»-Journalist nicht am besten, was die Medi­en und die Öffentlichkeit wollen?
Offen­sichtlich nicht, son­st sähe die Bilanz nach drei Jahren nicht so durch­zo­gen aus. Ich gebe mein Bestes, aber es gibt eben auch insti­tu­tionelle und per­sön­liche Hin­dernisse, die man nicht ein­fach aus dem Weg räu­men kann. Damit muss man umge­hen.

Welche Hin­dernisse sind das?
Viele Kirchen­vertreter haben nach wie vor eine furcht­bare Scheu vor den Medi­en. Sie sind von der Ein­wegkom­mu­nika­tion am Son­ntag auf der Kanzel geprägt: Sie predi­gen, die anderen hören zu. Dass Medi­en kri­tisch über sie bericht­en, passt nicht ins Konzept. Ich glaube, uns als Kirche fehlt noch immer ein Ver­ständ­nis für die Funk­tion ein­er kri­tis­chen Öffentlichkeit. Und das Bewusst­sein diese Kri­tik als Chance zu sehen, um sich zu verbessern.

Wie viel «Blick» steckt in der SBK?
Zu wenig. Der «Blick» muss sich jeden Tag neu darum bemühen, seine Botschaft so zu for­mulieren, dass die Leute das Blatt kaufen. Dieses Bewusst­sein muss die SBK noch entwick­eln.

Was hat die SBK dem «Blick» voraus?
Die Insti­tu­tion Kirche bietet mehr Frei­heit­en. Es gibt keine strik­ten Direk­tiv­en von oben, wenn es beispiel­sweise um die Neustruk­turierung der katholis­chen Medi­en­land­schaft geht. Man ver­traut in meinen Sachver­stand. Die Arbeit in einem grossen Medi­en­haus ist viel autoritär­er. Im Ver­gle­ich zur Redak­tion des «Blick» ist die SBK ein lib­eraler Vere­in.

Ihre franzö­sis­chsprachige Kol­le­gin Lau­re-Chris­tine Grand­jean hat bei der SBK das Hand­tuch gewor­fen. Sie sagte in einem Inter­view, es sei ein Ding der Unmöglichkeit, dass die Bis­chöfe ein­heitlich kom­mu­nizieren. Wann hören Sie auf?
Der Weg­gang von Frau Grand­jean war ein gross­er Ver­lust für uns. Ich bin ein deutsch­er Sturkopf, ich bin es gewohnt, nicht so schnell aufzugeben. Es ist nicht die Frage, wie lange ich es bei der SBK aushalte, son­dern, wie lange es die SBK mit mir aushält.

Die Kirche hat in den let­zten Monat­en und Jahren teils mas­siv an Glaub­würdigkeit ver­loren. Was wer­den Sie tun, um diese Glaub­würdigkeit wieder herzustellen?
Es schiene mir wichtig, einen Dia­log zwis­chen Kirchen­leitung und den Men­schen auf der Strasse zu ini­ti­ieren. Die Kirche sollte weniger von oben herab predi­gen, stattdessen erst ein­mal zuhören und dann ver­suchen, aus ihrem reichen Fun­dus Antworten auf die Nöte der Men­schen und die Fra­gen der Zeit zu geben.

Wie stellen Sie sich das konkret vor?
Die Bis­chöfe kön­nten beispiel­sweise die Tra­di­tion der Wan­der­mönche Kolum­ban und Gal­lus wieder aufnehmen und mit dem Bischof­sstab durch das Land marschieren. Als Zeichen dafür, dass sie mit den Men­schen in Kon­takt kom­men wollen – jen­seits von offiziellen Ein­ladun­gen und kirch­lichen Events. Ich fand es beispiel­sweise sehr gut, dass Abt Mar­tin Werlen die Pressekon­ferenz zur Asylge­set­zre­vi­sion in einem Asylzen­trum abhielt statt in einem Kon­feren­zraum. Das ist viel näher am Leben. Und Papst Franziskus macht es uns ja vor.

Wie sähe die ide­ale Zukun­ft von Medi­en und SBK aus?
Ich wün­sche mir, dass die Medi­en sich nicht nur für die inter­nen Stre­it­igkeit­en, son­dern auch für die Botschaft der Kirche inter­essieren. Aber der Ball liegt zuerst bei uns: Wir müssen unsere Botschaft in die heutige Zeit predi­gen. Es sollte nicht im Vorder­grund ste­hen, ob der Men­sch homo- oder het­ero­sex­uell ist, ver­heiratet, geschieden oder Sin­gle. Im Zen­trum soll­ten die Sor­gen, Nöte und Hoff­nun­gen der Men­schen ste­hen, welche Fra­gen sie täglich beschäfti­gen, und wie die Botschaft Jesu da helfen kann. Wir ver­steck­en uns noch zu sehr hin­ter unseren Dog­men, anstatt die Men­schen in den Vorder­grund zu stellen.
Anna Miller/aj

Redaktion Lichtblick
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