Mit der Natur bei Gott sein

Mit der Natur bei Gott sein

  • Ent­lang des Hochrheins führen zwei Pil­ger­wege zu unter­schiedlichen Zie­len: der Hochrhein-Jakob­sweg und die Via Colum­bani.
  • Bei­de Wege lock­en mit eben­so his­torisch wie auch spir­ituell bedeut­samen Orten.
  • Drei Wegzeu­gen bericht­en von ihren Erfahrun­gen im let­zten Teil unser­er Hor­i­zonte-Som­merserie 2022.

Beson­ders in den war­men Monat­en ist ​das Pil­gern ent­lang des Rheins eine wahre Wohltat. Das Kli­ma ist im Ufer­bere­ich immer angenehm kühl, schliesslich wird ein Grossteil des Flus­slaufs von schat­ti­gen Wäldern flankiert. Zudem weht stetig ein leicht­es Lüftchen, und an ver­schiede­nen Stellen lockt ein erfrischen­des Bad im Fluss. Wer nicht gle­ich mehrere Wochen als Pil­gerin oder Pil­ger unter­wegs sein will, hat die Möglichkeit, zum Beispiel auf dem Abschnitt zwis­chen Laufen­burg und Basel während eines oder auch mehrerer Tage Pil­ger­luft zu schnup­pern. Hier gelangt man zu his­torischen Städten, die auch spir­ituelle Spuren hin­ter­lassen haben.

Zwei Wege, zwei Richtungen

In der Hochrheinge­gend begeg­nen sich gle­ich zwei Pil­ger­wege, die an eben­solchen his­torisch und spir­ituell bedeut­samen Or-​ten vor­beiführen, jedoch genau in ent­ge­genge­set­zter Rich­tung ver­laufen. Rhein­ab­wärts führt der Hochrhein-Jakob­sweg, der in Kreu­zlin­gen begin­nt und in Basel endet. Wer länger pil­gern will, nimmt vom Rheinknie aus zum Beispiel den Drei-Seen-Weg nach Pay­ern (VD) und geht von da aus weit­er durch die Romandie nach Genf. Dort gibt es einen Anschluss an den franzö­sis­chen Jakob­sweg.

Exakt in die andere Rich­tung ver­läuft der Kolum­ban­sweg als Teil des europäis­chen Kul­tur­wegs Via Colum­bani. Mit der Via Colum­bani soll der 8000 Kilo­me­ter lange Weg nachge­bildet wer­den, den der irische Mönch Kolum­ban mit seinen zwölf Gefährten am Ende des 6. Jahrhun­derts von Ban­gor in Nordir­land nach Bob­bio in Nordi­tal­ien gewan­dert ist. Der Schweiz­er Weg begin­nt in Basel und führt in mehreren Etap­pen durch Rhe­in­felden, Laufen­burg, Koblenz, Baden und Zürich bis nach Chi­aven­na in der Lom­bardei.

Kirche als Kraftort

Start in Laufen­burg. Das 1985 mit dem Wakker­preis aus­geze­ich­nete Städtchen besticht durch seine malerische Alt­stadt, die Burg und seine Stadtkirche Johannes der Täufer, die sich heute im spät­go­tis­chen Stil präsen­tiert. Die Kirche gilt ausser­dem als geo­man­tis­ch­er Kraftort. Ver­mut­lich vom begüterten Frauen­kloster Säckin­gen (D) in Auf­trag gegeben, dürfte die Kirche noch vor der Stadt­grün­dung (1248) gebaut wor­den sein. Klein- und Gross­laufen­burg sind durch den Rhein getren­nt, waren jedoch bis zur Grün­dung des Kan­tons Aar­gau 1803 eine Stadt.

Der Pil­ger­weg führt nach Laufen­burg rhein­ab­wärts, vor­bei am Flusskraftwerk und ent­lang eines weit­ge­hend stark bewalde­ten Ufers. Das deutsche Städtchen Bad Säckin­gen, etwa eine Stunde zu Fuss von Laufen­burg ent­fer­nt, bietet sich ide­al für eine Mit­tagsrast an. Vom schweiz­erischen Stein aus ist Bad Säckin­gen über die läng­ste gedeck­te Holzbrücke Europas erre­ich­bar. In dieser Stadt hat der heilige Fridolin ver­mut­lich im sech­sten Jahrhun­dert als ein­er der ersten irischen Mis­sion­are im Land der Ale­man­nen seine Wirkungsstätte gefun­den. Er ver­an­lasste nicht nur den Bau eines Klosters, son­dern auch die Errich­tung des heuti­gen Mün­sters.

Schatzkammer des Fricktals

Der Rhein schlän­gelt sich zuerst in ein­er Links- und dann in ein­er starken Recht­skurve um Bad Säckin­gen. Der Pil­ger­weg führt vor­bei an den Dör­fern Mumpf, Wall­bach und Möh­lin, wiederum mehrheitlich durch bewaldetes Gebi­et und ent­lang lieblich­er Auen. Als näch­ster Etap­penort fol­gt Rhe­in­felden. Die älteste Zähringer­stadt der Schweiz, 1130 gegrün­det, wurde 2016 mit dem Wakker­preis geehrt und ver­fügt mit der christkatholis­chen Mar­tin­skirche über ein rund tausend Jahre altes Bauw­erk.

Diese üppig aus­ges­tat­tete «Schatzkam­mer des Frick­tals», wie sie die Ein­heimis­chen nen­nen, umfasst alle kun­sthis­torischen Epochen von der Romanik bis zum Dix­huitième, wobei im Innen­raum Barock- und Rokoko-Ele­mente dominieren. Von 1228 bis 1870 diente die Kirche als Chorher­ren­s­tift. Auf dem let­zten Streck­en­ab­schnitt des Hochrhein-Jakob­wegs lockt Basel als Kul­tur- und Wirtschaftsmetro­pole. Zuvor jedoch durch­queren die Pil­ger Kaiser­augst mit der Römer­stadt Augus­ta Rau­ri­ca sowie die Basel­bi­eter Gemein­den Prat­teln, Mut­tenz und Birs­felden, wo der Fluss Birs aus dem Laufen­tal in den Rhein mün­det.

Eine Art Meditation

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Was fasziniert die Men­schen am Pil­gern? «Wenn ich alleine pil­gere, kann ich abschal­ten und ganz bei mir sein», erzählt Josef Nietlispach aus Muri von seinen Erfahrun­gen als Pil­ger. Pil­gern sei stets auch eine Begeg­nung mit sich selb­st und mit der Natur. Am Pil­gern in der Gruppe schätzt der 73-Jährige, neue Men­schen ken­nen­zuler­nen und gute Gespräche zu führen. «Das regelmäs­sige Pil­gern hat mir geholfen, ruhiger und gelassen­er zu wer­den – trotz zum Teil anstren­gen­der Wegstreck­en», ergänzt Nietlispach, der sich sel­ber als «gut trainiert» beze­ich­net.

2020 pil­gerte er auf dem Bünd­ner Jakob­sweg von Müs­tair nach Chur. Ein Jahr später von Chur nach Dis­en­tis und weit­er bis Ober­wald (VS). Hinzu kom­men kürzere Pil­ger­wan­derun­gen wie etwa der Schaffhauser-Zürcher-Weg von Schaffhausen nach Rap­per­swil (SG), mit Ver­längerung bis Ein­siedeln, oder die Freiämter Fuss­wall­fahrt von Muri nach Ein­siedeln. Dieses Jahr war er mit der Pil­ger­gruppe von Bern­hard Lind­ner von der Katholis­chen Lan­deskirche Aar­gau auf dem franzö­sis­chen Jakob­sweg zwis­chen Limo­ges nach Périgueux unter­wegs. «Das Pil­ger­fieber hat mich gepackt. Ich erlebe das Pil­gern wie eine Art Med­i­ta­tion. Pil­gern bedeutet für mich, mit der Natur bei Gott zu sein.»

Blick in Lebensrucksäcke

Auch für Cor­nelia Bug­mann aus Böttstein ist die Pil­ger­reise etwas Beson­deres. Man sei wie in ein­er anderen Welt, weg vom hek­tis­chen All­t­ag. «Im Ein­klang mit der Natur set­zt man sich mit sich selb­st auseinan­der. Ich kam auf dem Jakob­sweg in Frankre­ich kör­per­lich an meine Gren­zen, schaffte es aber am näch­sten Tag immer wieder, weit­erzuge­hen.» Den Kon­takt in der Gruppe mit Gle­ich­gesin­nten erlebte Cor­nelia Bug­mann als «sehr bere­ich­ernd». Hinzu kommt: «Neben dem Ruck­sack, den ich mit meinem Hab und Gut stets mit­ge­tra­gen habe, habe ich auch etwas in die Leben­sruck­säcke von anderen Teil­nehmenden schauen dür­fen. Es gab in viel­er­lei Hin­sicht Denkanstösse.» Mit wie wenig man weit­erkommt und wieviel Kraft man mobil­isieren kann, habe sie auf der Reise gel­ernt. An den jew­eils her­zlichen Emp­fang in den Her­ber­gen erin­nere sie sich sehr gerne. Eben­so an die grosse Hil­fs­bere­itschaft inner­halb der Gruppe.

Erlebtes im Alltag umsetzen

Erwin Aecher­li suchte beim Pil­gern auf dem Jakob­sweg durch Spanien im Jahr 2021 unter anderem Antworten auf seine Frage, ob er in der Schweiz – wo er seit 35 Jahren lebt – bleiben oder in seine Heimat Kolumbi­en zurück­kehren soll. «Ich habe viel von dieser Pil­ger­reise prof­i­tiert, per­sön­lich wie auch im geistig-spir­ituellen Bere­ich», kommt der 67-Jährige aus Brem­garten zum Schluss. Das ein­fache Leben aus dem Ruck­sack, beschränkt auf wenige Dinge, habe ihm vor Augen geführt, wie wenig man zum eige­nen Glück brauche. Weil er sel­ber viel wan­dere und jogge, sei die drei­wöchige Pil­ger­reise kör­per­lich für ihn kein Prob­lem gewe­sen, abge­se­hen von ein­er paar Blasen an den Füssen. Erwin Aecher­li habe eben­so die Begeg­nun­gen mit anderen Men­schen, sei es aus der Schweiz, Ital­ien oder Spanien, sehr geschätzt. Auch die Land­schaften, Brück­en, Gewäss­er und die Gas­tronomien haben bei ihm «unver-​gessliche Erin­nerun­gen» hin­ter­lassen. Als eine weit­ere schöne Erfahrung erlebte der Pil­ger die gegen­seit­ige Hil­fs­bere­itschaft in der Gruppe. «Vieles, was ich beim Pil­gern erlebt und mir über­legt habe, kann ich jet­zt im All­t­ag umset­zen.»

Zwei weitere Pilgerhinweise

Afrikanis­che Wall­fahrt nach Ein­siedeln
Am Sam­stag, 27. August, pil­gern die Afrikaner­in­nen und Afrikan­er der Schweiz zusam­men mit Fre­un­den des afrikanis­chen Kon­ti­nents zum 12. Mail zur schwarzen Madon­na von Ein­siedeln. Es wer­den gegen 300 Pil­gerin­nen und Pil­ger erwartet. Mehrere afrikanis­che Chöre wer­den den Anlass musikalisch unter­malen. Die aktuellen Angaben sind noch nicht auf der Web­site von Africath zu find­en, aber es gel­ten diesel­ben Kon­tak­t­dat­en wie im let­zten Jahr. Auskün­fte erteilt auch Gesamtko­or­di­na­tor Mar­co Schmid unter: .
Pil­ger­reise auf dem Spanis­chen Jakob­sweg
Vom 1. bis 16. Okto­ber führt Bern­hard Lind­ner, The­ologe und Leben­spilger von der Fach­stelle Bil­dung und Prop­stei der Katholis­chen Lan­deskirche Aar­gau, wieder eine Pil­ger­gruppe über den Cam­in­ho Por­tugues von Por­to nach San­ti­a­go de Com­postela. Infor­ma­tio­nen und Anmel­dung direkt hier.


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Christian Breitschmid
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