Sie schenkt Kindern wertvolle Zeit

Sie schenkt Kindern wertvolle Zeit

  • Mile­na Wenger, Grün­derin und Geschäfts­führerin von «KiZ Kinderzeit» schenkt geflüchteten Kindern unbezahlbare Momente.
  • Seit 2015 organ­isiert sie zusam­men mit frei­willi­gen Helferin­nen und Helfern wöchentliche Ver­anstal­tun­gen für Kinder und Jugendliche aus Aar­gauer Asy­lun­terkün­ften.
  • Für ihr uner­müdlich­es Engage­ment erhält Mile­na Wenger heute Fre­itag, 4. Novem­ber 2022, den Frauen­preis des Aar­gauis­chen Katholis­chen Frauen­bunds AKF.

In einem Baden­er Café, wo kurz nach Mit­tag kaum ein Stuhl frei ist, sitzt Mile­na Wenger an einem kleinen Tisch. Sie wirkt mit­ten im Trubel entspan­nt, aber den­noch aufmerk­sam und voller Energie. Das Stim­mengewirr und der rege Betrieb scheinen sie nicht zu stören. Erfrischend direkt und ehrlich erzählt die 39-Jährige von sich und ihrer Arbeit.

«Ich füh­le mich priv­i­legiert und dankbar, dass ich in der Schweiz geboren bin und über so viele Möglichkeit­en ver­füge. Diese Priv­i­legien brin­gen mein­er Mei­n­ung nach eine Ver­ant­wor­tung mit sich, sich für diejeni­gen einzuset­zen, die es schw­er­er haben», sagt Wenger. Bei ihrer Arbeit in der Pri­vatwirtschaft habe sich ihr bald ein­mal die Sin­n­frage gestellt: «Ich wollte nicht länger meine Energie in etwas hinein­but­tern, das zwar jeman­dem Geld ein­bringt, aber son­st keinen Sinn hat.» Lieber wollte sie mit ihren Tal­en­ten etwas Sin­nvolles bewirken.

Der AKF-Frauenpreis

Der AKF-Frauen­preis ist eine Ausze­ich­nung zur Förderung und Unter­stützung von Insti­tu­tio­nen oder Einzelper­so­n­en, die sich für das Wohl von Frauen und Kindern in unserem Kan­ton ein­set­zen. Die Preis­summe in der Höhe von 20‘000 Franken stammt aus dem Verkauf­ser­lös des Lun­gen­sana­to­ri­ums San­i­tas in Davos, welch­es 1916 vom Aar­gauis­chen Katholis­chen Frauen­bund mit­be­grün­det wor­den war. Der Frauen­bund übergibt diesen Preis zum 26. Mal. 

Der Bedarf ist riesig

Im Herb­st 2015 erre­ichte die Zahl der Men­schen, die aus Syrien, dem Irak, aber auch aus Afghanistan oder Afri­ka nach Europa flüchteten, einen vor­läu­fi­gen Höhep­unkt. Wenger wollte sich im Rah­men eines Frei­willi­gen­pro­jek­ts für geflüchtete Kinder ein­set­zen. Doch sie stellte fest, dass es in diesem Bere­ich nichts gab. «Es war also ein Ange­bot, das es wirk­lich brauchte», sagt sie rück­blick­end. Um sich ein Bild von der Sit­u­a­tion zu machen, besuchte die Rom­bacherin einige Asy­lun­terkün­fte in ihrer Umge­bung.

Die Besuche bestätigten ihr, dass die Kinder in den kan­tonalen Unterkün­ften riesi­gen Bedarf an sin­nvoller Beschäf­ti­gung, Bewe­gungsmöglichkeit­en, geistiger Her­aus­forderung und unbeschw­erten Erleb­nis­sen hat­ten.

Zu Fuss unterwegs

So organ­isierte Wenger im Novem­ber 2015 einen ersten Anlass, einen Fuss­ball­nach­mit­tag. Von da an entwick­elte sich ihr Pro­jekt mit dem Namen «KiZ Kinderzeit» rasch weit­er. Im Früh­ling 2016 hat­te sie bere­its viele frei­willige Helferin­nen und Helfer, und im Juni des gle­ichen Jahres erhielt Wenger für ihr Engage­ment den Rotkreuzpreis des Schweiz­erischen Roten Kreuzes im Kan­ton Aar­gau. Im Rah­men des NAB-Awards 2018 erhielt Wenger einen Betrag, der half, das Ange­bot für die Kinder auszubauen.

Heute bietet KiZ Kinderzeit geflüchteten Kindern regelmäs­sige Tre­f­fen, Ferien­wochen, ein Ler­nange­bot sowie einen wöchentlichen Jugendtr­e­ff an. Die Ange­bote find­en alle in der Region Aarau statt und sind möglichst nieder­schwellig angelegt. So holen frei­willige Helfer die Kinder in den Asy­lun­terkün­ften ab. Meis­tens sind sie mit den Kinder­grup­pen zu Fuss unter­wegs. «Der Fuss­weg hat sich als sehr wertvoll erwiesen», sagt Wenger, «denn beim Gehen ergeben sich oft gute Gespräche, die Kinder haben Bewe­gung und ler­nen auch gle­ich, sich im Strassen­verkehr zu bewe­gen.»

Die Beziehung ist der Schlüssel

Gle­ichzeit­ig mit dem Ange­bot baute Wenger auch den Trägervere­in auf. Zu Beginn man­agte sie Buch­hal­tung, Frei­willi­genko­or­di­na­tion, Spenden- und Spon­soren­suche im Allein­gang und unent­geltlich. Inzwis­chen umfasst der Vere­in vier Vor­standsmit­glieder und eine Pro­jek­tlei­t­erin im 30-Prozent-Pen­sum. Wenger selb­st zog sich dieses Jahr mit einem 20-Prozent-Pen­sum in die Geschäft­sleitung zurück, leit­et aber nach wie vor den Jugendtr­e­ff «kiz teens» im Aarauer Wenk-Are­al.

Damit die geflüchteten Fam­i­lien in den Asy­lun­terkün­ften von« KiZ Kinderzeit» prof­i­tieren kön­nen, geht die Pro­jek­tleitung monatlich dort vor­bei und stellt sich und das Ange­bot vor. So wird eine Beziehung zu den geflüchteten Men­schen geknüpft. «Die Beziehung zu den Kindern und zu ihren Eltern ist der Schlüs­sel», weiss Wenger aus Erfahrung. Sie selb­st ver­fügt über die Gabe, schnell in Beziehung mit ver­schieden­sten Men­schen treten zu kön­nen.

Stolpersteine im Alltag erkennen

Der Kon­takt zu vie­len Fam­i­lien beste­ht weit­er, nach­dem sie aus der Asy­lun­terkun­ft in ihre eigene Woh­nung gezo­gen sind. So ken­nt Wenger auch die Stolper­steine, die sich geflüchteten Fam­i­lien im All­t­ag stellen, etwa bei der Ein­schu­lung der Kinder in die Volkss­chule. «Manche ken­nen zum Beispiel das Konzept der Hausauf­gaben nicht.» Aus dieser Erfahrung ent­stand das Ange­bot «Lern KiZ», wo Kinder zwei Stun­den pro Woche von ein­er Pri­mar­lehrerin und ehre­namtlichen Helfern und Helferin­nen spielerisch auf die Ein­schu­lung vor­bere­it­et wer­den.

«KiZ Kinderzeit» ist eigentlich eine Plat­tform, um Zeit zu ver­schenken», sagt Wenger. Sie ist überzeugt davon, dass ein stärk­endes Erleb­nis, ein fröh­lich­er Nach­mit­tag oder ein Moment der Aufmerk­samkeit ein Kind prä­gen und ihm über den Augen­blick hin­aus Hoff­nung und Zuver­sicht ver­mit­teln kön­nen.

Der AKF-Preis kommt zum richtigen Zeitpunkt

Mit ihrer Energie schaffte es Wenger in den ver­gan­genen sieben Jahren stets, das nötige Geld für «KiZ Kinderzeit» aufzutreiben und genü­gend Frei­willige zu find­en. Doch auch wenn es ihr leicht fällt, Gesuche zu schreiben und herumzutele­fonieren: der ständi­ge Kampf ums Geld ist aufreibend. Deshalb ist der AKF-Frauen­preis, den sie heute Abend in Emp­fang nehmen darf, eine grosse Freude für sie. «Eine Anerken­nung für meine Arbeit. Diesen Preis musste ich nicht per Gesuch beantra­gen, ich bekomme ihn ein­fach und uner­wartet geschenkt.»

Der Preis kommt genau zur richti­gen Zeit. Denn manch­mal, so find­et Wenger, unter­schätzten Men­schen in sozialen Tätigkeit­en die Kraft des Geldes. Mit einem Teil des AKF-Preis­geldes plant sie eine län­gere Reise – ein­er­seits, um beim Sur­fen am Atlantik wieder Kraft zu tanken, aber auch, um anderen Kraft zu schenken. Wenn alles klappt, wird sie näm­lich ent­lang der Balka­n­route Rich­tung Griechen­land die Flüchtlingslager besuchen. Dort möchte sie das Wis­sen ihrer Aus­bil­dung in «somat­ic expe­ri­ence» an diejeni­gen Leute weit­ergeben, die in den Lagern mit trau­ma­tisierten Men­schen arbeit­en.


Die San­i­tas-Stiftung und der AKF-Frauen­preis

https://www.horizonte-aargau.ch/der-krimi-mit-dem-zauberberg/

Die Preisträgerin­nen 2020

https://www.horizonte-aargau.ch/die-tanten-erhalten-den-akf-frauenpreis/
Marie-Christine Andres Schürch
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