Mit der Filmausrüstung im Kinderwagen

Mit der Filmausrüstung im Kinderwagen

  • Am Don­ner­stag, 5. Mai, läuft in der Deutschschweiz der Doku­men­tarfilm «Hebam­men – Auf die Welt kom­men» an.
  • Der Film gibt Ein­blick in diesen anspruchsvollen Beruf an der Schwelle zu neuem Leben. Auch die Gedanken, Gefüh­le und Fra­gen von Schwan­geren rück­en in den Fokus.
  • Im Inter­view erzählt Regis­seurin Leila Küh­ni von der Arbeit am Film und ihren Erleb­nis­sen während der Drehar­beit­en.

Leila Küh­ni, wie haben Sie die Hebam­men aus­gewählt, denen Sie in Ihrem Film über die Schul­ter schauen?
Leila Küh­ni: 2016 habe ich als Erstes ein Jahr lang freis­chaf­fende Hebam­men gesucht, habe mit ihnen gesprochen und bin mit­ge­gan­gen, um zu sehen, wie sie arbeit­en. Dabei stiess ich immer wieder auf Hele­na Bell­wald aus Spiez. Ihr Leben und ihr Beruf sind sehr stark miteinan­der ver­bun­den. Mit ihrer Prax­is, dem Garten und den Haus­be­suchen bei ihren Wöch­ner­in­nen in der Region hat sie sich eine so gesamtheitliche Welt aufge­baut, dass ich erst Bedenken hat­te, damit Haus­ge­burt­sklis­chees zu bedi­enen. Aber ihre Arbeitsweise hat mich tief beeindruckt.[esf_wordpressimage id=37890 width=half float=right][/esf_wordpressimage]

Über eine Gynäkolo­gen­prax­is in Solothurn stiess ich auf die Basler Beleghe­bamme Lucia Mikel­er, die ganz anders als Hele­na ist, bes­timmt und boden­ständig. Auch mit dem Bethes­da Spi­tal hat die Zusam­me­nar­beit unkom­pliziert geklappt. Nach dem Mot­to «Wir sind viele» tra­gen alle Hebam­men die gle­iche Uni­form und haben die gle­ichen Aufla­gen. Der Fokus dort liegt auf zwei jün­geren Hebam­men, die noch auf der Suche sind, wo und wie sie arbeit­en wollen.

Mussten Sie jeman­den überzeu­gen, im Film mitzuwirken?
Nein. Allen Hebam­men war wichtig, dass ihre Arbeit gezeigt, dass sie sicht­bar gemacht wird. Der Aufwand, damit bei ein­er Geburt alles gut läuft, ist gross. Mit immer weniger Geburtshelfend­en wird es schwieriger, eine ide­ale Betreu­ung zu gewährleis­ten, und je weniger Hebam­men man hat, desto mehr Medika­mente braucht es. Im Spi­tal fragten wir die Schwan­geren jew­eils ein­fach an, und sie sagten ja oder nein. Hele­nas Wöch­ner­in­nen war es auch wichtig, andere Möglichkeit­en als die Spi­tal­ge­burt aufzuzeigen.

Der Film gibt sehr per­sön­liche Ein­blicke in die Sit­u­a­tion von Schwan­geren. Wie haben Sie diese Nähe geschaf­fen und erlebt?
Die Nähe ist immer durch das Ver­trauen ent­standen, das die Frauen in die Hebam­men hat­ten. Bei Lucia und Hele­na hat­te ich zuvor mit allen Frauen ohne Kam­era gesprochen. Im Spi­tal kam ich dazu, sagte «Hal­lo» und war dann ein­fach da. Sie wussten, dass das gedrehte Mate­r­i­al nicht in Stein gemeis­selt ist und sie ihr OK auch zurückziehen kön­nten.

Mir ging es darum, ein Grund­ver­trauen zu schaf­fen und vor Ort dann zu «ver­schwinden», um die Sit­u­a­tion nicht zu stören.

Eine Geburt ist nicht plan­bar. Wie war das für die Drehar­beit­en?
In den zwei Wochen vor der Steiss­ge­burt in Basel war ich auf Pikett und bin in Bern mit der Fil­maus­rüs­tung im Kinder­wa­gen rumge­laufen. Die Geburt dauerte 2,5 Stun­den, und nach der Anreise waren wir während der let­zten hal­ben Stunde mit vor Ort. In Wim­mis dauerte die Geburt 1,5 Stun­den, da kamen wir eine Vier­tel­stunde zu spät. Bei ein­er der Geburten im Spi­tal waren wir von Anfang an dabei. Sie dauerte 24 Stun­den, und wir kamen an unsere Gren­zen. Nacheinan­der ver­ab­schiede­ten sich der Kam­era­mann und der Ton­tech­niker, und ich machte allein weit­er. Der Film zeigt den Hebam­men­beruf, wie er sein soll, vor allem die guten Seit­en – mit guten Hebam­men war das möglich.

Was hat Sie über­rascht?
Wenn Frauen mit ihren Aus­sagen Tabus und damit den Mythos der guten Mut­ter brachen. Unaussprech­lich­es gesagt zu hören, ist gle­ichzeit­ig wahnsin­nig hart und berührend men­schlich und macht die Wider­sprüche deut­lich, die wir alle in uns tra­gen.

Wer ist zur Vor­premiere an den Solothurn­er Film­ta­gen gekom­men?
Zahlre­iche Hebam­men und viele von Cast und Crew waren da. Das war mir wichtig, um die Frauen, die geboren hat­ten, und die beteiligten Hebam­men als Vere­ini­gung zu stärken. Berührt hat mich, dass einige ältere Frauen vor Ort erzählten, sich nun mit eige­nen schwieri­gen Geburt­ser­fahrun­gen ver­söh­nen zu kön­nen.

Ich sel­ber sah den Film zum ersten Mal auf Grosslein­wand, erlebte die Reak­tio­nen und das Mit­ge­hen der Zuschauen­den und bekam mit, was auch bei viel Pub­likum funk­tion­iert. Nach der Steiss­ge­burt gab es sog­ar Szene­nap­plaus, das habe ich vorher so noch nie erlebt.


Auf welch vielfältige Weise die Kirche junge Eltern und ihre Kinder begleitet, erfahren Sie in unserer Serie «ökumenisch leben und erziehen»

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Marie-Christine Andres Schürch
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