Zuwendung ist das Wichtigste

  • Sich in Erster Hil­fe auszu­bilden, um sie im Not­fall anzuwen­den, ist für die meis­ten selb­stver­ständlich.
  • Im Gegen­satz dazu fühlen sich viele Men­schen hil­f­los, wenn es darum geht, «Let­zte Hil­fe» zu leis­ten — näm­lich schw­er kranken und ster­ben­den Men­schen beizuste­hen.
  • Hier set­zen die «Let­zte Hilfe»-Kurse an, die von den Aar­gauer Lan­deskirchen an Kirchge­mein­den ver­mit­telt wer­den.

Die Idee für Kurse in «let­zter» Hil­fe wurde erst­mals vom deutschen Arzt Georg Bol­lig beschrieben, die ersten Kurse fan­den vor gut zehn Jahren in Nor­we­gen und Deutsch­land statt. In der Schweiz bildet die Reformierte Lan­deskirche Zürich Per­so­n­en aus, die den Kurs in andere Lan­desteile weit­er­tra­gen. Der Kurs wird von einem Tan­dem aus Pflege und Seel­sorge erteilt. Im Aar­gau ver­mit­teln die Lan­deskirchen die Kurse an Kirchge­mein­den. Die Kurslei­t­en­den kom­men für einen Don­ner­stag- oder Sam­stagkurs in eine Aar­gauis­che Kirchge­meinde, welche die Kosten von 500 Franken trägt. Der Kurs dauert vier Stun­den und ist für die Teil­nehmenden kosten­los.

«Letzte Hilfe»-Kurse und Buchtipp

Die Aar­gauer Lan­deskirchen ver­mit­teln den Kurs «Let­zte Hil­fe» an Kirchge­mein­den. Bei Inter­esse kon­tak­tieren Sie Ursu­la Güt­tinger, T: 062 838 00 10. Mail: . Näch­ste Kurse: 29.6. Reinach / 7.9. Pflegezen­trum Lin­den­feld, Suhr / 16.11. Windisch. Infos und Anmel­dung: , T: 062 838 00 10.
Buchtipp: Bol­lig, Famos, Fis­ch­er, Nie­der­mann, Rüeg­ger: «Let­zte Hil­fe. Schw­erkranke und ster­bende Men­schen begleit­en», hrsg. von der Reformierten Kirche Kan­ton Zürich. ISBN: 978–3‑290–18338‑7. 

Eine Aufgabe für die ganze Gesellschaft

Im Pflegezen­trum Lin­den­feld in Suhr sitzen an diesem Sam­stag­mor­gen zwölf Men­schen im «Let­zte Hilfe»-Kurs von Simone Scher­er und Hans Erni. Scher­er ist Ärztin im Pflegezen­trum Lin­den­feld, Erni war katholis­ch­er Priester und leit­ete bis vor Kurzem ein Alter­sheim. Bei­de hat­ten oder haben täglich mit schw­er kranken und ster­ben­den Men­schen zu tun. Ihre wichtig­ste Botschaft an die ver­sam­melte Runde ist denn auch: «Ster­ben ist Teil des Lebens – und Ster­bende zu begleit­en ist eine wichtige Auf­gabe unser­er ganzen Gesellschaft.»

Die teil­nehmenden Frauen und Män­ner sind aus unter­schiedlichen Grün­den hier. Marie-Luise zum Beispiel sagt, sie sei immer wieder in die Begleitung von Ster­ben­den hineingerutscht: «anstatt wie bish­er ‚learn­ing by doing‘ möchte ich nun in diesem Kurs ‚learn­ing by lis­ten­ing‘ prak­tizieren.» Reg­u­la ist pen­sion­ierte Sozialpäd­a­gogin und hat ihre sehr alte Mut­ter bis zum Tod begleit­et: «Ich habe ohne gross­es Wis­sen ein­fach gemacht.» Nun wohnt Reg­u­la in ein­er Wohngenossen­schaft für Senior­in­nen und Senioren, wo geistiger und kör­per­lich­er Abbau und das Ster­ben zum Leben gehören. Mar­guerite ist frei­willige Mitar­bei­t­erin im Pflegezen­trum. Sie stand wegen ein­er Krankheit schon mehrmals am Rand des Todes, wurde rea­n­imiert und musste um ihr Leben kämpfen. «Ich war so nah am Tod und habe durch die Men­schen, die sich um mich geküm­mert haben, viel Kraft bekom­men. Deshalb möchte ich etwas zurück­geben und engagiere mich dafür, dass diejeni­gen, die im Alter und mit ihrer Krankheit nicht allein sein wollen, das nicht müssen.» Mar­vin arbeit­et als Frei­williger auf der Demen­z­abteilung. Er ist zwei Tage pro Woche dort und sagt: «Ster­ben geht manch­mal schneller als man denkt. Wenn ich nach sechs Tagen wieder zur Arbeit komme, sind manch­mal Men­schen weg, die in der Woche zuvor noch top­fit schienen.»

Die Kursleitung hat viel Erfahrung mit Tod und Sterben

Neben Grund­wis­sen zu Ster­ben, Tod und zu Pal­lia­tive Care ver­mit­telt der Kurs, dass es auch ohne medi­zinis­che oder pflegerische Aus­bil­dung möglich ist, Men­schen am Lebensende zu begleit­en. Ster­be­be­gleitung ist keine Wis­senschaft, son­dern auch in der Fam­i­lie und der Nach­barschaft möglich. Der Kurs ermutigt die Teil­nehmenden, sich Ster­ben­den zuzuwen­den. Denn Zuwen­dung ist es, was wir alle am Ende des Lebens am meis­ten brauchen.

Der Kurs behan­delt vier The­men: Ster­ben als Teil des Lebens, Vor­sor­gen und Entschei­den, Lei­den lin­dern und Abschied nehmen. Die kleine Runde bietet die Möglichkeit, Fra­gen zu stellen. Im Lin­den­feld geben die Ärztin und der Seel­sorg­er Ein­blick in ihre Erfahrun­gen. Zum Beispiel bei der Frage, wie man mitt schw­er kranken Men­schen über den Tod spricht. «Man soll die Gele­gen­heit nutzen, wenn das The­ma im Raum ste­ht und es mutig und respek­tvoll ansprechen. Dazu gehört auch, eventuelles Schweigen und Nicht-Wahrhaben­wollen von Seit­en Pati­entin zu akzep­tieren, aber den­noch da zu sein», erk­lärt Simone Scher­er. Wie soll man als Ange­hörige reagieren auf die Aus­sage: «Ich glaube, ich muss bald ster­ben»? «In dieser Sit­u­a­tion kön­nte man fra­gen ‚Macht es dir Angst?‘ oder ‚Was möcht­est du jet­zt? Was wün­schst du dir?‘», sagt Hans Erni.

Herausfinden, was gut tut

In vie­len Fällen ist keine direk­te Hand­lung gefordert. Aber es ist wichtig, sich Zeit zum Zuhören und für Gespräche zu nehmen. Auch das kann eine Her­aus­forderung sein. Hans Erni erzählt ein Beispiel dafür: Ein­er Frau fiel es schw­er, ihre Mut­ter auf der Demen­z­abteilung zu besuchen, weil die Mut­ter sie meist nicht erkan­nte und kaum reagierte. Da ermunterte Erni die Frau, eine Musik­lehrerin, mit ihrer Mut­ter und den anderen Leuten auf der Abteilung zu sin­gen. Das tat sie. Die Bewohnen­den macht­en freudig mit – die Mut­ter sass dabei und hörte zu. Doch ab und zu sang sie mit, ganz ver­sunken und mit einem glück­lichen Lächeln.

Marie-Christine Andres Schürch
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