Fastenkampagne: «Etwas zum Besseren verändern»

Fastenkampagne: «Etwas zum Besseren verändern»

  • Seit über 50 Jahren führen die Hil­f­swerke «Brot für alle» und Fas­tenopfer jährlich eine Öku­menis­che Kam­pagne während Fas­ten­zeit durch. Kün­ftig soll diese nicht nur Spenden gener­ieren, son­dern auch dazu anre­gen, den eige­nen Lebensstil u verän­dern.
  • Laut Direk­tor Bern Nilles will sich Fas­tenopfer nach der Konz­ern­ver­ant­wor­tungsini­tia­tive weit­er poli­tisch engagieren. Man sei Kirche und Kirche müsse poli­tisch sein, so das Cre­do des gebür­ti­gen Deutschen.
 Herr Nilles, Sie leit­en seit zwei Jahren das Hil­f­swerk Fas­tenopfer und leben sei­ther mit Ihrer Fam­i­lie in der Schweiz. Sie mein­ten ein­mal, dass kein anderes Land so heftig darüber disku­tiert, ob die Kirche poli­tisch sein soll. Bernd Nilles: In Bel­gien und Deutsch­land, wo ich vorher gear­beit­et habe, scheint es jeden­falls selb­stver­ständlich, dass sich auch die Kirche zu poli­tis­chen und wirtschaftlichen The­men äussert.Die Schweiz­er Bis­chöfe tun das sel­ten direkt, son­dern in der Regel über ihre Kom­mis­sion «Justi­tia et Pax». Soll­ten die Bis­chöfe nicht in poli­tis­chen Fra­gen klar Stel­lung beziehen? Es ist gut, wenn Bis­chöfe sich durch Fach­stellen berat­en lassen. Wenn sie gut informiert ihre Entschei­de fällen und sich zu wichti­gen ethis­chen Fra­gen äussern, ver­stärkt das die Wirkung in der Gesellschaft. Dabei gilt es meines Eracht­ens im Einzelfall abzuwä­gen, ob man es der Fachor­gan­i­sa­tion über­lässt, Stel­lung zu nehmen oder es als Bischof­skon­ferenz auf Grund­lage ein­er Empfehlung der Fachor­gan­i­sa­tion tut.Fas­tenopfer unter­stützt aktiv die Konz­ern­ver­ant­wor­tungsini­tia­tive. Inwieweit sind die christlichen Hil­f­swerke wie Fas­tenopfer oder «Brot für alle» so etwas wie der ver­längerte poli­tis­che Arm der Kirchen? Wir sind kein ver­längert­er Arm, wir sind Kirche. Es gibt entsprechend auch nicht nur eine Stimme in der Kirche oder nur eine Mei­n­ung. Kirche lebt von Vielfalt. Aber es gibt Grund­sätze christlichen Han­delns, auf die wir Christin­nen und Chris­ten uns ver­schreiben.Welche sind das Ihrer Ansicht nach? Sol­i­dar­ität, Men­schen­würde und Näch­sten­liebe. Ger­ade unser Ein­satz für die Konz­ern­ver­ant­wor­tungsini­tia­tive ist ver­wurzelt in unserem Ver­ständ­nis, dass die Ver­wirk­lichung der Men­schen­rechte eine Bedin­gung für ein Leben in Würde und für Gerechtigkeit ist. Und zwar weltweit, weil so ziem­lich alles, was wir in der glob­al­isierten Welt tun, kon­sum­ieren oder pro­duzieren, weltweite Auswirkun­gen hat. Ich möchte sich­er sein, dass das, was ich in der Schweiz kaufe, nicht das Leben ander­er zer­stört hat.Sind weit­ere poli­tis­chen Engage­ments im Sinne der «Kovi» geplant? Selb­stver­ständlich. Auch wenn wir aktuell der Konz­ern­ver­ant­wor­tung viel Aufmerk­samkeit schenken, wer­den wir bei anderen Zusam­men­hän­gen glob­aler Sol­i­dar­ität poli­tisch aktiv wer­den – wie immer nicht parteipoli­tisch, son­dern sach­poli­tisch. Partei­isch sind wir zugun­sten der Armen. Das gilt auch bei einem weit­eren wichti­gen The­ma – dem Kli­mawan­del.Ist denn das poli­tis­che Engage­ment eines kirch­lichen Hil­f­swerks in der Bevölkerung eher akzep­tiert als das­jenige der Kirchen? Fas­tenopfer hat den Auf­trag, Armut zu bekämpfen und zu Gerechtigkeit beizu­tra­gen. Wenn poli­tis­che Entschei­dun­gen hier in der Schweiz oder im glob­alen Süden Armut und Ungerechtigkeit ver­schär­fen oder nicht aus­re­ichend sind, um diese zu über­winden, muss Fas­tenopfer sich zu Wort melden. Das tun wir seit beina­he 60 Jahren. Die Schweiz­erin­nen und Schweiz­er spenden für Fas­tenopfer nicht, damit alles so bleibt, wie es ist, son­dern weil sie etwas zum Besseren verän­dern wollen.Seit über 50 Jahren führen die Hil­f­swerke Brot für alle und Fas­tenopfer jährlich eine Öku­menis­che Kam­pagne während Fas­ten­zeit durch. Hat sich diese Zusam­me­nar­beit bewährt? Ist sie gar Mod­ell für weit­ere öku­menis­che Pro­jek­te? Ja. Und wir wer­den mit neuen, gemein­samen Aktio­nen über­raschen. Der gemein­same Ein­satz für einen Wan­del geht weit­er, hier im glob­alen Nor­den wie im Süden. Dazu gehört eine neue Ini­tia­tive, bei der wir mit vie­len Men­schen und Gemein­den den Co2-Fuss­ab­druck in der Schweiz deut­lich senken wollen.Worum genau wird es dabei gehen? Um Lebensstil­wan­del – das ist ein wichtiger Akt der Sol­i­dar­ität! Zulet­zt haben wir die Online-Plat­tform «Join my Chal­lenge» auf den Weg gebracht, die auch in diese Rich­tung wirkt und zudem Men­schen für unsere Arbeit inter­essieren soll.Die öku­menis­che Jubiläum­skam­pagne 2019 set­zt sich für eine Stärkung der Rechte der Frauen ein. Was soll die Kam­pagne konkret bewirken? Die 50 Jahre der Öku­menis­chen Kam­pagne sind ein guter Anlass, um das Engage­ment von 50 Frauen zu zeigen, die stel­lvertre­tend für alle Men­schen ste­hen, die sich für eine bessere Welt ein­set­zen. Um allerd­ings den Erfolg dieser Frauen zu sich­ern, müssen die Rechte der Frauen gestärkt wer­den. Dafür set­zen wir uns ein. Denn Frauen lei­den oft am stärk­sten unter Diskri­m­inierung und ver­wehrtem Zugang zu Bil­dung, zu Recht­en, zu bezahlter Arbeit.Die Frage, wie poli­tisch Kirche sein soll, sorgte Anfang Jahr für neuer­lichen Wirbel, als ein so genan­nter Think Tank «Kirche/Politik» um Ger­hard Pfis­ter und Béa­trice Ack­lin poli­tis­che Äusserun­gen von Kirch­en­ex­po­nen­ten kri­tisierten. Diese Debat­te ist wichtig. Die Pro­voka­tion seit­ens von Her­rn Pfis­ter und Frau Ack­lin führt hof­fentlich dazu, dass sich noch mehr Men­schen in der Kirche, aber auch die Bis­chöfe selb­st deut­lich zu Wort melden. Ein Think Tank zu Ethik­fra­gen kön­nte helfen, dem «Schrei der Armen und der Erde» (Lauda­to Si) Gehör zu ver­schaf­fen. Ger­ade zu Grund­satzfra­gen wie Men­schen­recht­en und der Bewahrung der Schöp­fung braucht der poli­tis­che Diskurs Impulse. Diese dür­fen wir nicht den Bern­er Wirtschafts-Lob­by­is­ten über­lassen.Apro­pos Poli­tik: Der neue Aussen­min­is­ter Ignazio Cas­sis wün­scht eine engere Verknüp­fung der Entwick­lung­shil­fe mit poli­tis­chen und ökonomis­chen Inter­essen der Schweiz. Welche Kon­se­quen­zen wird das für Fas­tenopfer haben? Ihr Hil­f­swerk bezieht ja auch Mit­tel von der DEZA. Frieden, Gerechtigkeit, Schutz der Men­schen­rechte, Umweltschutz, Armut über­winden – all das sind Schweiz­er Inter­essen. Für diese set­zt sich das Par­la­ment, die Schweiz­er Diplo­matie weltweit ein und eben auch die DEZA. Zudem ist die Schweiz wirtschaftlich stark und kann es sich leis­ten, in der Schweiz ansäs­si­gen Konz­er­nen Vor­gaben zu machen — wie die Ein­hal­tung der Men­schen­rechte.Es macht aber nicht den Anschein, dass es Ignazio Cas­sis um das geht. Ich bin fest davon überzeugt, dass EDA und DEZA auch in Zukun­ft ver­lässliche Part­ner in der Entwick­lungszusam­me­nar­beit sind. Dass Bun­desrat Cas­sis und ich uns auch mal über ein The­ma stre­it­en, gehört zur poli­tis­chen Kul­tur dieses Lan­des. So habe ich ihm bere­its zu seinem Besuch bei Glen­core in Sam­bia geschrieben und ihm ein Gespräch ange­boten. Dem hat er zuges­timmt, es wird voraus­sichtlich im März stat­tfind­en.
Andreas C. Müller
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